zurückgelegte Strecke

Auf der Karte oben koennt ihr die zurueckgelegte Strecke anschauen, wir aktualisieren unseren Standort wenn wir Gelegenheit dazu haben.

Rechts im Menu Seiten hat es weitere Infos wie Statistiken, Hoehenprofile und das Post-Archiv.

Wenn ihr mit uns Kontakt aufnehmen wollt, schreibt uns ein E-Mail auf unsere privaten Adressen. Wer diese nicht kennt, benutzt diese Adresse: velo.martina.roman
@gmail.com

Sonntag, 2. März 2014

Zuhause

----------------- 12.03. Update ----------------

17 Stunden und mehr als 10'000 km später sind wir heute Mittag zuhause angekommen. In Zürich stehen unsere Familien mit Riesentransparenten in der Ankunftshalle und wir schliessen uns nach 7 Monaten Reise in die Arme.

im Flughafen Buenos Aires
Wir werden von Zürich bis nach Hause an den Rosenweg gebracht, ein wunderschöner Empfang. So fällt uns die Ankunft leicht, und wir setzen uns zusammen ins Wohnzimmer und trinken erst mal einen Mate.

über der Schweiz
Die Vorratsschränke sind gefüllt, das Bett bezogen und sogar das Abendessen steht schon zum aufwärmen bereit. Wir sind überwältigt, können einfach ohne uns gross um irgendetwas zu kümmern zurück nach Hause kommen. Vielen Dank für Alles!

Und noch immer sind wir mit dem Erzählen hier im Blog noch nicht ganz zu Ende, doch alles Weitere verschieben wir auf mañana.


all unser Bagaasch, links hinten das Empfangsplakat

 PS: unsere bisherigen Handynummern sind wieder in Betrieb, wir sind also per Telefon und SMS und Mail erreichbar. Und natürlich kann man uns auch wieder am Rosenweg besuchen.

Update ----------------------------------

Schon mehr als eine Woche sind wir nun zurück in der Schweiz, die Zeitverschiebung haben wir nun langsam überwunden und können darum wieder zu gängigen Zeiten ins Bett gehen. Wir haben schon viel Zeit mit unserer Familie und Freunden verbracht, erzählt und gehört was hier alles geschehen ist. Trotz momentaner Arbeitslosigkeit ist unser Tagesprogramm voll, ein paar von uns zwei waren bereits auf Skitour. Am Rosenweg haben wir uns sofort wieder zuhause gefühlt, doch wenn wir sonst unterwegs sind, überkommt uns manchmal ein komisches Gefühl. Dann dringt es plötzlich durch, die Reise ist vorbei, wir sind wieder zurück im normalen Leben.

13'000 Fotos sind auf 8 Speicherkarten verteilt. Gerne teilen wir natürlich jedes dieser 13'000 Fotos mit euch. Für die mit weniger Durchhaltevermögen machen wir in der nächsten Zeit eine kleinere Auswahl.

Einige weitere (vorallem für uns) interessante Zahlen haben sich bei diesem Blog ergeben: bis heute haben wir rund 4300 Zugriffe seit wir unterwegs sind. Das sind etwa 600 Zugriffe pro Monat, wobei es im Dezember 200 Zugriffe weniger sind. Hattet ihr Gschänkli-Stress? Wenn wir das kleine Zahlenspiel weiterführen, kommen wir bei 20 Zugriffen pro Tag an. Selbstverständlich wissen wir nicht so genau ob jeden Tag nur eine Person 20 mal nachgesehen hat, ob schon was neues drauf ist, oder ob wirklich 20 Personen pro Tag auf unserem Blog waren. Auf jeden Fall ist das für uns natürlich eine Ehre, soviele Personen wärend 7 Monaten zu unterhalten. Wir hoffen ihr hattet Spass dabei.

Selbstverständlich spiegelt der Inhalt dieses Blogs nur den beiden Schreibenden ihre subjektive,  persönliche und durch die aktuellen Umstände gefärbte Weltsicht, welche vielleicht teilweise auch ein wenig von Sand und Tränen getrübt wurde. Vielleicht sind einige Situationen für euch Lesende manchmal nicht so ganz nachvollziehbar, und ihr könnt unsere damaligen Empfindungen nicht verstehen. Falls ihr uns darauf ansprechen möchtet, versuchen wir unsere Gefühlslagen zu erklären.

Somit kommen wir nach dem Ende unserer Reise auch hier in diesem Blog zu einem Ende. Es gäbe noch tausend Geschichten zu erzählen, doch machen wir das viel lieber ganz persönlich. Es hat uns Spass gemacht, euch hier unsere Erlebnisse zu erzählen, und wir konnten so auch einen Teil unserer Eindrücke verarbeiten. Nun freuen wir uns darauf euch alle wiederzusehen!

Roman + Martina

Freitag, 28. Februar 2014

Buenos Aires

So, das letzte Stuendlein hat geschlagen. Zwar geht unser Flug erst morgen nach dem Mittag, aber wir sind soweit bereit und haben schon fast abgeschlossen mit Buenos Aires. Wir haben eine sehr gute Woche hier verbracht, die drei Tage bei Sol und Javier waren sehr unterhaltsam und schoen. Aber wi geng, der Reihe nach!

Ankunft im Bahnhof Constitucion, danach treffen wir Christ-Andri und Judith, welche uns nach der anstrengenden Zugfahrt mit einem Zmittag begruessen. So faellt einem das Ankommen in der riesigen Stadt sehr einfach. Da wir erst gegen Abend zu unseren Gastgebern von Couchsurfing gehen koennen, deponieren wir unser Gepaeck und machen uns auf in die Stadt. Gemaess dem Motto "zuerst die Arbeit, dann das Vergnuegen" organisieren wir als erstes den Transport unserer Velos ins Hostel und an den Flughafen. Das geht dank der Hilfe vom Hostel (in welches wir fuer die letzten zwei Naechte gehen) sehr einfach ueber die Buehne. Danach schlendern wir durch den Stadtteil San Telmo im Zentrum. Es ist eine grosse Stadt, aber irgendwie aehnlich wie auch die grossen Staedte in Europa. Es erinnert uns ein bisschen an Paris.


Da wir muede sind von der Reise, sind wir froh als wir gegen Abend zu Javier und Sol in den Stadtteil Boedo wechseln koennen. Wir werden mit einem Fernet begruesst und quatschen trotz Muedigkeit noch lange mit den zwei supernetten Argentinier, welche uns ihr Wohnzimmer ueberlassen.

Am naechsten Tag duerfen wir die Velos von den zwei ausleihen. Nicht gerade in besten Zustand, aber schnell geflickt, radeln wir mit leichtem Gepaeck los Richtung dem Quartier La Boca. Dies ist nicht gerade einer der reichen Stadtteile, doch gibt es zwei, drei Strassen, welche fuer Touristen sicher sind. Wir wollen dort hin, weil dort alte Haeuser aus abgewrackten Schiffen stehen, die dann ganz farbig gestrichen sind.

La Boca
 Buenos Aires verfuegt ueber ein (fuer die Groesse der Stadt) eher bescheidenes Fahrrad-Netz, aber man kann immerhin quer durch die Stadt fahren ohne die 6 spurigen Strassen queren zu muessen beim Abbiegen. So kommen wir gut raus nach La Boca, dort machen wir noch einen kleinen Schlenker zur Strasse wo angeblich der Tango herkommen soll. Wir bleiben aber nicht lange dort, sobald wir weg sind von der Touristenstrasse wird es schnell aermlich. So radeln wir wieder zurueck zum Zentrum und klappern die politischen Gebaeude ab. Dazu gehoert das Praesidentenhaus, welches ganz schoen rosa gestrichen ist. Anscheinend weil irgend ein Praesident mal die zwei Farben von Widersachern gemischt hat, um den Kompromis sinnbildlich darzustellen. Und aus rot und weiss ergibt sich halt rosa.

Praesidentenpalast
Weiter gehts, wir kurven durch die Stadt, machen Touri-Sachen und schauen uns bekannte Haeuser an. Am Abend kochen wir Roesti fuer unsere Gastgeber und verbringen einen zweiten gemuetlichen Abend beim Gespraech ueber Argentinien und die Schweiz.

Javier, Michelle (Buessi), Sol, Martina und Roman
Am zweiten Tag sind wir per Bus und U-Bahn unterwegs, wobei vorallem das Busfahren ein richtiges Abenteuer ist. Bei mehr als 100 oder 200 Linien wird es schnell unuebersichtlich. Wir schaffen es mit Hilfe eines kleinen Buechleins, welche eine Treffsicherheit innerhalb von etwa 3 mal 3 Blocks ermoeglicht. Das System zum Herausfinden welche Linie wohin faehrt und vorallem wo sie anhalten ist unmoeglich kompliziert, wir brauchen gut 20 Minuten bis wir endlich wissen welche Linie. Dann wird gewandert bis wir die Bushaltestelle finden.

Wir schauen uns das Hafenviertel an, welches eher das Geschaeftsviertel ist. Viele Hochhaeuser und teure Restaurants. Wir schauen uns zwei alte Segelschiffe an, welche als Museeum in den Docks liegen. Zum Znacht gehts in ein Geheim-Tip-Restaurant von Javier und Sol, um die Abreise von Judith und Christ-Andri zu feiern. Wir verbringen einen super Abend in einer absolut untouristischen und guenstigen Beiz.

Am naechsten Tag verschieben wir von unseren Couchsurfern zum Hostel, welches an der Grenze zu San Telmo liegt. Zum Zmittag bleiben wir aber noch bei Sol und Javier, welche fuer uns Empanadas backen.

Und schon bricht der letzte Tag an, wir wollen uns noch das Viertel Recoleta und Palermo anschauen. Wieder das Abenteuer mit dem Bus, und wir kommen zu einem Park mit einem grossen Metall-Bluemli.

Ganz natuerlich fuegt es sich in die Flora der Umgebung ein. Gegen Abend schliessen sich die Bluetenblatter voll-hydraulisch. Weiter gehts ins Quartier Recoleta und zum Friedhof der Reichen. Dort haben sich einige reiche Familien ein Denkmal gesetzt, wir staunen ab den Marmor-Tempeln, welche als Familiengruefte verwendet werden.
bescheidenes Grab
In den ganz alten Graeber kann man teilweise bis in die Saerge sehen, wir entdecken sogar einen Schaedel. Wir kehren zurueck ins Zentrum und gehen noch auf eine Souvenir-Shopping-Tour. Zurueck im Hostel packen wir unsere Taschen fuer den Flug und sind soweit bereit fuer die Heimreise.

Nun bleibt nur noch der Abend. Wir sind von Javier zu einem Konzert eingeladen worden, wo er selbst spielt. Uns ists recht wenn es spaet wird, so sind wir dann morgen fuer den Rueckflug auch anstaendig muede. Wir freuen uns fuer nach Hause, das Empfangskomitee ist scheinbar schon organisiert und wir sind froh, wenn wir unsere schweren Taschen nicht selbst an den Rosenweg schleppen muessen.

Selbstverstaendlich melden wir uns von Zuhause aus nochmals hier in diesem Blog um einige Gedanken loszuwerden. Bis bald in der Schweiz!

Mittwoch, 26. Februar 2014

Mit dem Zug nach Buenos Aires

Die letzte Etappe der Reise vom Strand in Las Grutas nach Buenos Aires war nochmal ein kleines Abenteuer fuer sich: zwei eher kurze Naechte, eine kleine Verspaetung und nicht gerade modernste Eisenbahntechnik neben der wunderbaren Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Argentinier.

Mitten in der Nacht geht der Wecker, um 3 Uhr stehen wir auf und packen unsere Rucksaecke, ein letztes Mal verstauen wir unser Zelt. Wir werden es auf dieser Reise wohl nicht mehr brauchen. Um 4 Uhr stehen wir am Busterminal, in einer Viertelstunde sollte der Bus abfahren. Eine Stunde spaeter sitzen wir immer noch vor dem Terminal, einige Busse kamen vorbei, aber unserer war nicht dabei. Wir sind nicht alleine, schliesslich kommt die Frage auf wo den wohl der Bus ist. Wir denken uns das erste (und definitiv nicht das letzte Mal in dieser Geschichte), dass sowas in der Schweiz kaum moeglich ist. Dabei gehts weniger um die Verspaetung als mehr darum, das erst nach einer Stunde eine beilaeufige Frage aufkommt. Aber niemand weiss etwas, die Telefonauskunft ist selbstverstaendlich erst ab 10 Uhr verfuegbar und der Schalter noch geschlossen. Man schaut sich ratlos an und wartet weiter. Irgendjemand findet dann raus (wir wissen nicht wie, vielleicht Freunde im Bus), dass unser Bus im Moment noch einige hundert Kilometer weiter suedlich sein soll, irgendetwas von Strassensperre in einem Dorf. Nochmal etwas spaeter hilft uns die Verkaeuferin am Kiosk, welche frueher fuer das Busunternehmen gearbeitet hat. Sie kann in Erfahrung bringen, dass unser Bus tatsaechlich noch in Caleta Olivia (Ihr erinnert euch? Da waren wir auch schon mal...) steht. Allerdings gehts jetzt dort weiter, wir koennen also damit rechnen, dass der Bus zwischen 9 und 10 Uhr hier ankommt. Das sind dann 6 Stunden Verspaetung. Wir werden ein bisschen unruhig, schliesslich wollen wir den Zug noch kriegen, der faehrt gegen 20 Uhr. Und bis Bahia Blanca sinds noch einige Stunden Busfahrt. Alternative gibt keine, und offizielle Infos kriegen wir nicht. Wie die Argentinier so sind rastet niemand aus, es wird nicht geflucht und sich beschwert, man legt sich im Terminal auf den Boden und schlaeft erst mal weiter. Wir nehmen sie uns zum Vorbild und schlafen halt erst mal aus. 

Nach einem Zmorge im Terminal kommt nach 10 Uhr tatsaechlich unser Bus! Keiner sagt etwas zu diesem Vorfall, die Verspaetung und die Gruende dafuer werden mit keinem Wort erwaehnt. Wir erinnern uns an die Entschuldigungen der SBB in der Schweiz bei 3 Minuten Abfahrtsverspaetung. Und an die schweizer Pendler, die nach 5 Minuten Verspaetung auf dem Perron nervoes werden, und nach 10 Minuten Zetermordio schreien. Die argentinische Umgehenweise mit solchen Vorkommnissen ist defintiv schonender fuer die Nerven und den Blutdruck. Wir versuchen diese Gelassenheit zurueck in die Schweiz zu nehmen...

Einige Stunden spaeter treffen wir in Bahia Blanca ein, eine grosse und total untouristische Stadt. Von hier faehrt ein Zug bis Buenos Aires. Es war nicht ganz einfach, Tickets zu kriegen fuer diese Fahrt. Man kann Tickets telefonisch reservieren, allerdings muss man diese 3 Tage vor Abfahrt am Schalter im Bahnhof abholen und bezahlen. In unserem Fall war das ja nicht moeglich, also mussten wir uns eine Alternative ueberlegen. Schon in Las Grutas haben wir ueber Couchsurfing eine Frage in der Gruppe von Bahia Blanca deponiert: ob wohl irgendjemand bitte bitte fuer uns am Bahnhof die Tickets kaufen kann und wir sie dann bei der Abfahrt bezahlen koennen? Es dauerte nicht lange, und Carlos hat sich gemeldet. Kein Problem, er besorgt sie fuer uns. Jetzt, wo wir hier in Bahia Blanca angekommen sind, melden wir uns bei Carlos, und kurz darauf steht er mit den Tickets am Busbahnhof. Er bietet uns an, uns in der verbleibenden Zeit bis zur Abfahrt die Stadt zu zeigen. Wir wollen ihn noch auf ein Bier einladen, er meint, er kenne da eine gute Panaderia wo wir ein paar Suessigkeiten kriegen. Dort haben wir keine Chance ihn einzuladen, selbstverstaendlich uebernimmt er die Rechnung fuer etwa 2 Kilo Dessert. Im Park sitzen wir mit ihm zusammen und essen unser suesses Znacht. Den Rest (etwa die Haelfte) packt er uns ein (als Zwischenverpflegung im Zug!), und wir machen einen Zwischenstop bei seiner Wohnung um Wasser aufzufuellen. Kurz darauf werden wir an den Bahnhof gebracht, Carlos traegt sogar unser Gepack in den Zug. Wir sind ueberwaeltigt von so viel Gastfreundschaft. 

Der Zug ist definitiv nicht der Neuste. Natuerlich ist die Strecke nicht elektrifiziert, wir werden also von einer riesigen Diesellokomotive gezogen. Die Wagen sind alt und in eher dreckigem Zustand. Fenster und Tueren stehen offen weil es so heiss ist, Klimaanlage existiert nicht. Wir haben die 1. Klasse gebucht, dort gibt es einen Sitz zum kippen. Der Zug ist voll, Familien mit Kindern und Gepaeck ueberall. Wir verabschieden uns von Carlos, und puenktlich faehrt der Zug los. Wir holpern im Schritttempo aus der Stadt heraus, immer wieder toent das Horn der Lokomotive. Es ist in keiner Weise vergleichbar mit einer Zugfahrt in der Schweiz, und darum fuer uns ein beeindruckendes Erlebnis. 

In der Daemmerung sind wir aus der Stadt heraus. Die Tueren auf der Plattform stehen offen, man kann sich auf die Treppe setzen und die Fuesse in den Fahrtwind halten. Es holpert und rumpelt und quietscht, manchmal gehts nur langsam voran, man koennte neben dem Zug mitrennen. 


Als es dunkel wird, richten wir uns so gut es geht zum schlafen ein. Da wir in der letzten Nacht nicht gerade viel geschlafen haben, sind wir trotz Geholper und Laerm bald im Halbschlaf, und zeitweise sogar ganz weg. Der Zug faehrt quer durch flache Graslandschaft, mit Zwischenhalten an kleinen Doerfchen. Irgendwann geht die Sonne auf, und es kommt Leben in die Reisegesellschaft. Wir sind nun schon ganz nah an Buenos Aires, doch geht es noch fuer eine oder zwei Stunden durch besiedeltes Gebiet bevor wir zum Zentrum kommen. Die Umgebung von Buenos Aires sieht aus wie Italien, teilweise trocken, aber gruen. Wir sehen Palmen, aber auch Kuhweiden. Die vereinzelten Haeuser werden immer dichter, eher arm, teilweise sieht es aus wie damals in Bolivien: unverputzte Backsteinbauten, alte Lastwagen und Geruempel in den Hinterhoefen. Die Vororte sind nicht wie erwartet Armenviertel wie in Lima, es scheint hier nicht so schlimm zu stehen. Trotzdem ist die Armut sichtbar. Irgendwann sind wir in Buenos Aires, die Einfahrt ins Zentrum ist wie in jedem Bahnhof einer Grossstadt: riesiges Geleisefeld, umgeben von Industrie. Und dann laufen wir im Bahnhof Constituion in Buenos Aires ein.


Allgemeine argentinische Aufregung im Zug (also alles ruhig und gesittet) vor dem Aussteigen, dann stehen wir mit unserem Gepaeck auf dem Perron. Wir haben schon vor unserer Ankunft mit Judith und Christ-Andri kontakt aufgenommen, sie waren schon 2 Tage vor uns in Buenos Aires angekommen. Sie haben uns nun zu sich in ihr Zuhause eingeladen, damit wir uns ausruhen und ankommen koennen. So organisieren wir uns zuerst ein U-Bahnticket und ein Stadtplan, dann machen wir uns auf den Weg quer durch Buenos Aires. Wir finden uns problemlos zurecht, schlussendlich ist es hier nicht viel anders als in Paris oder sonst einer Grossstadt. Gegen Mittag kommen wir muede aber zufrieden im Zuhause unserer Velofreunde an. Ein bisschen traurig weil das Reisen nun definitiv zu Ende ist, aber voll mit guten Eindruecken vom letzten Abschnitt.

Mehr zu Buenos Aires gibt es dann spaeter, schliesslich sind wir im Moment immer noch daran, die Stadt zu erkunden. Nach unserer Ankunft sind wir am Abend zu unseren Gastgebern von Couchsurfing gefahren und wurden dort herzlich von Javier und Sol in Empfang genommen. Hier wohnen wir in ihrem Wohnzimmer fuer 3 Naechte, danach verschieben wir uns in ein Hostel fuer die letzten zwei Naechte vor dem Flug.

Samstag, 22. Februar 2014

Plascha

Vorne weg: das mobile Telefon, welches uns unterwegs immer treue Dienste geleistet hat, leidet unter einigen schwerwiegenden elektronischen Fehlfunktionen. Der Zahn der Zeit (oder hier wohl treffender "die Finger in Schreibwut") haben der alten 9-Tasten-Tastatur teilweise den Rest gegeben. Taste 2 fehlt (und damit wird das Schreiben von a, b und c eine Angelegenheit des Fingernagels), Taste 3 produziert häufig das Erscheinen des Menüs (was den Schreibfluss empfindlich stört) und macht es manchmal unmöglich, d, e oder f zu schreiben. Einzige Abhilfe schafft die Autoergänzung. Taste 7 (p, q, r und s) zaubert öfters mal die Diktierfunktion hervor. Zusätzlich funktioniert die Menütaste ebenfalls nicht mehr, oder ruft im Zweifelsfall die Funktion der anderen Menütaste auf. Das alles macht die Bedienung eher nervenzerrend umständlich. So halten wir uns in den Mails und auch im Blog wohl ein bisschen zurück um unsere Nerven zu schonen, ihr wollt ja sicher nicht, dass wir euch nach unserer Rückkehr mit zuckenden Fingern und einem irren Leuchten in den Augen begrüssen.

Unsere Ankunft in Las Grutas, dem sommerlichen Strandort, fiel nass und kalt aus. Der Bus kam um 5 Uhr morgens bei leichtem Nieselregen an. Nach einer unbequemen Stunde im Busbahnhof wanderten wir zum Sonnenaufgang an den nahen Strand. Die Wolken haben sich verzogen, und die Stimmung ist ganz angenehm.


Nach einem Zmorge auf der Plaza suchen wir uns einen Camping, bald steht unser Zelt und wir schalten um in den Strandmodus. Der Weg ist nicht weit, und nach dem Mittag sitzen wir im Sand, umgeben von tausenden Argentinier. Der Strand ist breit, und hinten gibt es sogar Schatten von der etwa zehn Meter hohen Klippe. Einige Stunden später hat sich die Situation dramatisch geändert: die Flut hat den ganzen Strand gefressen! Wir kommen ein bisschen in Bedrängnis als alle Leute immer weiter zurück rücken, doch auch so wird es nicht unangenehm eng, die Argentinier sind ein friedliebendes Volk, und wenn es mal droht hektisch zu werden (zum Beispiel im Anblick der steigenden Flut) wird zuerst mal ein Mate getrunken. Dann sammelt man Badetücher und Kinder ein und rückt weitsichtig zwei Meter zurück.
wie die Argentinier: mit Mate-Chesseli am Strand
Wir lassen es uns gutgehen, rumliegen am Strand (den die Argentinier in ihrer Spezialaussprache des Spanischen "Plascha" nennen), zum Zmittag gibt es Empanadas, am Abend schlendern im Dörfli und Take-away Znacht auf dem Camping. Wir tragen selten mehr Kleider als Badehose und Tshirt und den Schlafsack strampeln wir beim Einschlafen weit weg.

Plascha zwischen Ebbe und Flut
Nebenbei organisieren wir unseren Aufenthalt in Buenos Aires und die Reise dorthin. Für drei Nächte werden wir couchsurfen, und für die letzten zwei Nächte haben wir das Hostel schon lange reserviert. Die Bustickets bis Bahia Blanca stecken im Pass, es fehlen nur die Zugtickets von dort bis Buenos Aires. Falls wir die am Sonntag nicht kriegen, buchen wir den nächst möglichen Bus und wenn alles klappt, sind wir am Montag in Buenos Aires.

Nach einem knappen Tag am Strand hat Martina ein paar Joggingschuhe gekauft. Rumliegen ist ja schön und gut, aber irgendwann wird es langweilig. Ansonsten wird tüchtig gelesen und nebenbei die Haut gebräunt und das Haar gebleicht. Sonst glaubt uns zuhause am Ende keiner dass wir in den Ferien waren!

Nach schönen und gemütlichen 6 Tagen am Strand werden wir uns also nächste Nacht um 4 Uhr mit dem Bus aufmachen, immernoch Richtung Norden und dem nun schon sehr nahen Ende unserer Reise entgegen.

Sonntag, 16. Februar 2014

Per Autostop nach Norden

 ------------- 17.02.14 : Update Fotos ------------

Und wieder zurück auf der Strasse! Gerade mal 4 Tage unterwegs, und doch schon mehr als 1000 km zurückgelegt. Auf der Karte sehen wir, 200 km westlich von uns liegt Coihaique in Chile an der Carretera Austral. Vielleicht könnt ihr euch ja erinnern, vor knapp 2.5 Monaten, so um den Samichlous herum. Zwei Monate velofahren Richtung Süden bis Ushuaia, und nach 4 Tagen autofahren sind wir schon wieder fast am selben Ort, nur halt nicht an der Westküste sondern in der unendlichen Weite von argentinisch Patagonien, mit Blick auf den Atlantik.

Der Reisestil per Autostop ist für uns eine Premiere. Als wir uns in Ushuaia darauf vorbereiten, wissen wir nicht, welchen Teil der Ausrüstung wir aufgeben sollen. Wir können uns kaum von unserem Kocher trennen, welcher mit ganz viel anderem in die Tasche für den Gepäcktransport neben den Velos nach Buenos Aires wandert. Am Schluss haben wir beide unseren Rucksack mit dem wichtigsten gefüllt (Schlafsack, Mätteli, Kleider, Zelt, eine Pfanne, zwei Löffel und ein Messer), und einer Tasche Reiseproviant zum kalt essen. Dazu tragen wir, entsprechend den Temperaturen in Feuerland, einiges an warmen Kleidern, inklusive Chappe und Händsche. Wir wissen, wenns mit stöpplen nicht funktioniert, können wir ja auch den Bus nehmen.

Der Einstieg gestaltet sich einfach, Martina spricht am Morgen kurzerhand ein argentinisches Päärli auf dem Camping in Ushuaia an. Von hier kann man ja nur richtung Norden fahren, unsere Chance ist also nicht schlecht. Kurz darauf sitzen wir im Auto Richtung Norden, bis zur Magellanstrasse im Norden von Feuerland können wir mit. Die Argentinier haben keine Angst vor Geschwindigkeitsbegrenzungen, wir kommen also zackig voran. Bald lassen wir Rio Grande hinter uns, und schon sind wir bei der Fähre zum Festland. Wir verlassen Feuerland und suchen uns in der Warteschlange vor der Fähre jemanden, der uns bis Rio Gallegos mitnimmt. Der 4te in der Reihe stimmt zu, weiter geht die Reise. Die äusserst hilfreichen Argentinier machen uns den Einstieg ins Stöpple einfach, wir werden bis vor ein Hotel gebracht. Ein erfolgreicher Tag, wir sind optimistisch für weiter.

Bei der Ausfahrt aus Rio Gallegos nimmt uns die Polizei die Arbeit gleich ab. Nachdem wir uns bei der Strassenkontrolle registriert haben, dürfen wir vor das Büro sitzen, und die Polizistin, welche jeden Autofahrer anhält und nach dem Reiseziel fragt, fragt auch gerade ob er nicht noch zwei Schweizer mitnehmen möchte. Einen Augenblick später sind wir schon wieder unterwegs.

Sogar für den Nationalpark Monte Leon finden wir am Parkeingang zwei junge Argentinier mit einem winzigen Auto, welche uns mitnehmen. Auch sie stellen uns am Abend direkt vor dem Camping im nächsten Dorf ab.

Nationalpark Monte Leon
Autostop ist besser als jeder Intensivsprachkurs, wir haben noch nie so viel spanisch gesprochen wie in den letzten 4 Tagen. Man trifft die verschiedensten Leute. Junge, Alte, Paare oder Einzelpersonen, jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen und teilweise gibt es bei 2 oder 3 Stunden gemeinsamer Autofahrt sehr interessante Gespräche mit Einblick in das argentinische Alltagsleben. Auch merken wir, dass wir eine optimale Kombination sind und daher oft mitgenommen werden. Ein Paar, dazu mit blonden Haaren klar erkennbar Touristen. Viel hören wir, Argentinier würden sie nicht mitnehmen, auch Männer alleine haben schlechte Chancen. Aber Touristen sind nicht gefährlich, und ein Paar sowieso nicht. Unser Glück.

Auch am nächsten Morgen kommen wir problemlos weg, der erste hält, Martina hat gerade erst den Daumen rausgehalten. Unser erster Lastwagen. Wir erfahren viel interessantes über die Motorbremse und über den gefährlichen Sekundenschlaf.

Trucker-Braut Martina
Einmal umsteigen heute und wir stehen im Stadtzentrum von Caleta Olivia, einer der ersten Wohnstädte der Ölindustrie. Null Tourismus, doch der unglaublich motivierte Typ von Tourioffice organisiert uns ein gutes günstiges Hotel und gibt uns Tipps für die optimalen Stöppler-Stellen an der Hauptstrasse. Als wir zum Hotel laufen steht uns der Schweiss auf der Stirn. Wir wechseln die Garderobe: kurze Hosen und Tshirt! Endlich sind wir dem patagonischen Sommer mit Kälte und Regen entkommen! Trotz dem eher anstrengenden Reisestil sind wir sehr zufrieden, es wird langsam wärmer und wir kommen sehr gut voran. Wir sitzen mit einem Apero an den Kiesstrand und gehen anschliessend ins Restaurant weil wir wieder mal warm essen wollen.

am Strand von Caleta Olivia: der Bart ist gestutzt
Vor der grossen Stadt Comodoro Rivadavia zweigt eine Strasse nach Sarmiento ab. Dort soll es Bosques petrificados geben, versteinerte Wälder. Das wollen wir sehen, eine der wenigen Attraktionen auf unserem Weg in den Norden. Auch in Caleta Olivia kommen wir schnell weg, bis zur Abzweigung ein Katzensprung, jedenfalls mit argentinischen Tempo. In weiser Voraussicht haben wir die kurzen Hosen montiert, und schon um 10 Uhr morgens brennt die Sonne runter. Zum Glück stehen wir nicht lange an der Abzweigung nach Sarmiento, ein schwarzer Dodge SUV hält und wir werden von Luiz und Norma mitgenommen.

Oelfelder um Comodoro Rivadavia
Wir kommen gut aus, diskutieren viel in den kurzen 2 Stunden zu unserem Tagesziel. Irgendwann macht das Mate-Chesseli die Runde, und in Sarmiento gehen wir gemeinsam auf die Suche nach einem Zuhause. Sie sind hier weil an diesem Wochenende ein Folklorefest stattfindet: Pferde, Gauchos und Bier. Nach überteuertem Camping und vollen Hotels einigen wir uns auf eine gemeinsame Cabaña, wir bleiben 2 Nächte, sie 3.

Kaum angekommen, reissen wir uns die Kleider vom Leib und wechseln zu Badehosen. Die 26 Grad hier sind herrlich heiss und endlich taut unser Permafrostkern auf, der sich während der letzten Monate in der Kälte stetig vergrössert hat. Wir brechen zum einkaufen und Geld auftreiben auf. Dann erhalten wir die frohe Nachricht, das Judith und Christ-Andri ebenfalls auf dem Weg hierhin sind. Wir hatten immer wieder per SMS Kontakt, wir waren wieder mal parallel zueinander per Autostop unterwegs. Ein bisschen später empfangen wir sie mit Bier und Chips auf der Plaza, und wir tauschen unsere Stöppler-Erfahrungen aus. Und, kaum zu glauben, wir sitzen sogar nach Sonnenuntergang noch in kurzen Hosen und Tshirt draussen!! Wir werden zwar von Mücken gefressen, doch ist das ein kleiner Preis für das Sommergefühl. Wir verabreden uns für den nächsten Tag um gemeinsam ein Taxi zu den versteinerten Wälder zu organisieren. Später im Bett müssen wir die Decken weit wegstrampeln. Trotz aller Liebe zu Patagonien geniessen wir die Hitze. Und je weiter wir nach Norden fahren, desto heisser wird es.

Die versteinerten Wälder sind eigentlich keine Wälder sondern ein paar zerbrochene Stämme, die in der Gegend rumliegen. Das beeindruckende ist, dass die zu Stein gewordenen Stämme 65 Millionen Jahre alt sind. Die Landschaft erinnert einmal mehr an den Mond, man könnte hier auch in einer Szene aus Starwars sein. Vor langer, langer Zeit war Südamerika von Wäldern bedeckt, die dann bei Vulkanausbrüchen von Asche bedeckt wurden. Mit der Zeit sind die Stämme versteinert und wurden dann durch Erosion wieder freigelegt, die Holzstruktur ist bestens erkennbar. Als wir zurückkommen, kontrolliert der Parkwächter unsere Taschen, damit wir nicht kleine Steinsplitter klauen.

versteinerter Baumstamm
Nach dem Ausflug ist das Gauchofest in vollem Gange, und wir stellen uns in die bräntige Sonne, um zuzuschauen, wie die Gauchos von jungen, noch nicht zugerittenen Rössli abgeworfen werden. Die Pferde scheinen arg bockig zu tun, dann merken wir, dass die Reiter sie extra mit Sporen und Peitsche provozieren. So haben wir dann auch reichlich wenig Mitleid, wenn ab und zu mal die Ambulanz anrücken muss, um diejenigen Gauchos aufzusammeln, die ein Huf ins Gesicht oder den Bauch gekriegt haben und kurz- (oder auch lang) fristig nicht mehr aufstehen.

und Hue-Hopp
Unsere argentinischen Freunde treffen wir wieder hier an, und wir verabreden uns in der Cabaña zum Znacht. Gegen 22 Uhr ziehen sie ein ganzes Huhn aus dem Ofen. Trotz einigen Verständigungsschwierigkeiten (nicht allen von uns zwei fällt die Kommunikation auf Spanisch leicht) haben wir viel zu reden, und so verabschieden wir uns erst um Mitternacht.

Wir fahren morgen weiter, Judith und Chris-Andri sind schon heute aufgebrochen. Zurück an der Küste gehts dann weiter nordwärts Richtung Puerto Madryn und Bahia Blanca, es ist noch weit bis Buenos Aires!

Montag, 10. Februar 2014

Das Ende der Welt

Nach unserer Ankunft in der südlichsten Stadt der Welt haben wir uns also mal auf dem Camping eingerichtet, und haben versucht, hier am Ende unsrer Reise anzukommen. Es hat nicht so gut geklappt. Jetzt aber, nach einer Woche organisieren und einem Ausflug zum Ende aller Strassen sind unsere Velos in Kisten verpackt und schon mit der Hälfte des restlichen Gepäcks auf dem Weg nach Buenos Aires.

Einen Tag nach unserer Ankunft in Ushuaia treffen wir also auf dem Camping wieder auf unsere schweizer Velofreunde. Da sie ebenfalls noch etwa 3 Wochen Zeit haben, überlegen wir, wie wir nach Buenos Aires reisen könnten. Fliegen wäre möglich und einfach, aber dann sind wir in ein paar Stunden schon dort, und 3 Wochen in Buenos Aires rumhängen ist nicht unsere Lieblingsbeschäftigung. Der Bus benötigt etwa 3 Tage, und kostet mehr als ein Flug. Wir erinnern uns an unseren Roadtrip in Chile, als wir ein Auto gemietet haben und so mit Mänu in 10 Tagen 3000 km fuhren. Das war ja ganz lustig, wieso machen wir das nicht einfach hier auch? Mit einer Liste von Autovermietungen arbeiten wir uns durch Ushuaia, bald müssen wir erkennen, dass das hier nicht so einfach wird. Als wir endlich ein passendes Auto gefunden haben, schockiert uns der Preis: bescheidene 4000 Franken für 12 Tage. Das Problem ist, dass irgendeiner der Firma das Auto leer und alleine wieder zurückfahren muss. In Chile war das kein Problem, hier ist das irgendwie gesetzlich geregelt und das Auto muss zurück geführt werden. Wärend wir diskutieren, beginnt es zu schneien. Der vorher eisige Regen, unterbrochen von kurzen sonnigen Abschnitten und kaltem Wind, wird weiss und bald sieht es aus wie im Winter. Wir flüchten in ein Café am Hafen und geben die Idee mit der Automiete auf. Schade.

Nun überlegen wir uns, wie wir das Gepäck und die Velos verschicken können, Judith und Christ-Andri wollen sich darum kümmern wärend wir zwei noch unsere Reise richtig beenden wollen. Die Strasse geht nach Ushuaia noch etwa 20 km weiter, in den Nationalpark Tierra del Fuego, wo sie in der Bahja Lapataia am südlichsten Punkt endet. Wir wollen also zum Ende der Strasse fahren, dort wo es wirklich einfach nicht mehr weiter geht. Spätestens dort sollten wir wohl begreifen, dass es nicht mehr weiter geht.

Wir packen also nochmals unsere Velos, bauen das Zelt ab und fahren los. Nach nicht mal 2 Stunden sind wir am Ziel. Die Schotterstrasse endet bei einem Schild, dort steht, dass es von hier etwas mehr als 3000 km sind bis Buenos Aires. Oder 17'848 km bis Alaska... Wir schieben die Velos weiter, über einen Wanderweg, dann auf einen Holzsteg, bis wir am Ende des Stegs auf einer kleinen Plattform einfach nicht mehr weiter können.

am Ende der Welt
Wir stellen die Velos hin und stehen an das Geländer, mit Blick über die Bucht nach Süden. Da stehen wir ein paar Minuten, und hier können wir uns jetzt endgültig damit abfinden, das wir am Ziel angekommen sind. Nach etwas mehr als 6000 km auf dem Velo, ein halbes Jahr unterwegs.


Und was jetzt? Nun, nichts überstürzen, zuerst mal Zmittag essen. Nach ein paar Föteli machen wir uns dann auf den Rückweg. Nicht weit hat es einen Camping, und wir bleiben dort für eine Nacht. Noch ein letztes Mal im Zelt neben den Velos, wir sind ganz alleine, gleich bei einem kleinen Fluss. Ein schöner Ort um anzukommen, viel besser als mitten in Ushuaia.

zaeutle in der Bahia Lapataia
Am nächsten Morgen nach dem Ausschlafen fahren wir wieder zurück auf den Camping oberhalb von Ushuaia, dort überraschen uns die beiden anderen mit einer Transportlösung für die Velos und das Gepäck. Wir können unsere Velos schon hier in aller Ruhe in Kisten verpacken und dann per Lastwagen nach Buenos Aires transportieren lassen. Dort können wir sie kurz vor dem Rückflug in die Schweiz abholen. So können wir ganz flexibel ohne grosses Gepäck reisen. Wir werden versuchen, per Autostop bis nach Buenos Aires zu kommen. Falls das nicht klappt gibt es immer noch den Bus. So können wir auf dem Weg in den Norden noch einige Zwischenhalte machen und uns eine Woche Zeit lassen. Dann haben wir noch eine Woche Zeit um Buenos Aires unsicher zu machen und schon sind wir wieder zurück in der Schweiz.

Camping und Skilift mit Blick auf Ushuaia
Unsere Freunde sind schon heute aufgebrochen, und eben haben wir ein SMS erhalten, dass sie per Auto unterwegs sind. Scheint also möglich zu sein, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Wir sind gespannt. Wir bleiben noch etwas länger hier, Blog und Mails, sonst noch einkaufen und ausruhen. Morgen wollen dann auch wir Ushuaia Richtung Norden verlassen. Soweit möglich wollen wir natürlich weiterhin die Spot-Karte aktualisieren und auch ab und zu mal einen Blogeintrag machen damit ihr auch unser Autostop-Abenteuer mitverfolgen könnt! So lang wir Handyempfang haben, können wir auch mailen, dank einem argentinischen SIM-Chärtli. Vorausgesetzt unser Handy überlebt die nächste Zeit. Von all der Blogschreiberei fallen die Tasten raus und auch sonst funktioniert nicht immer alles ganz einwandfrei.

Noch ist unsere Reise nicht vorbei, wir haben immer noch unser Zelt im Gepäck, eine reduzierte Küche, unsere Schlafsäcke und Mätteli und viele warme Kleider. Aber auch die Badehosen, weil in Buenos Aires soll es im Moment zwischen 30 und 40 Grad heiss sein. Dort wollen wir noch an einem Strand unsere von Patagonien und Feuerland eingefrorenen Körperteile auftauen, bevor es endgültig zurück in die Schweiz geht.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Feuerland

Nun, es wird jetzt ausnahmsweise an dieser Stelle nicht vorgegriffen, ihr werdet euch wohl schon zusammenreimen können wo wir in der Zwischenzeit sind. Dahin kommen wir dann auch am Ende dieses Blogeintrags, und das ist früh genug. Noch liegt also Feuerland vor uns, das letzte Abenteuer unserer Reise.

Wir haben uns also für Feuerland nochmals eine Extraroute herausgesucht, inspiriert haben uns die zwei schweizer Velofahrer (kennen wir seit Villa O'Higgins), und soviel Zeit wir in der Zwischenzeit zusammen verbracht haben, dürfen wir sie hier jetzt wohl auch vorstellen: Judith und Christ-Andri. Da diese Route nochmals etwas abgelegen ist, haben wir für 5 Tage Vorräte geladen. Dazu suchte Roman die Koordinaten aller Estancias, ermittelt aus Satellitenbildern, damit wir zum schlafen einen Windschutz ansteuern können. So vorbereitet, fahren wir am frühen Morgen zum Hafen in Punta Arenas, wo die Fähre nach Porvenir ablegt. Das Wetter zeigt sich angenehm, nur wenig Wind, Sonne und mit Händsche, Chappe und Buff lässt sich auch die Temperatur ertragen. Nach 2 Stunden ist die Magellanstrasse überquert, Martina hat teilweise einen eher starren Blick zum Horizont. Einmal quert irgend etwas Grosses unseren Weg und bläst ab und zu eine Fontäne in die Luft. Ein Wal?

In Porvenir essen wir unser Zmittag im Windschutz an der Sonne, die Chappe bleibt aber an, trotz "Sommer". Dann machen wir uns auf den Weg, es ist hügelig und wir sind zurück auf Schotter, soweit gut fahrbar, wenns doch nur ein bisschen wärmer wäre! Die Händsche bleiben dran, wenn wir rauf fahren schwitzen wir unter der Chappe, kaum bleibt man stehen wird es kalt, der Wind zieht durch alles durch. Das Auf und Ab der Strasse ist also ein körpertemperaturtechnisches Wechselbad, uns gefriert quasi der Schweiss auf der Stirn. Die Strasse führt gegen Osten, wir fahren also mit Rückenwind. Immerhin. Die Landschaft ist karg, gelbe Ebene, buschig grüne Hügel, dunkelblaues Meer mit weissen Schaumkronen, am Horizont dunkle Bergketten. Selten mal ein Baum, schief im Wind, und hunderte Kilometer Zaun.

An einer Kreuzung steht ein einsames Bushüsli, es ist gegen Abend und wenn wir eins gelernt haben, dann das: Gelegenheiten nutzen! Die Aussicht lässt auch nicht zu wünschen übrig, leicht erhöht über der Bahia Inutil.

unser bescheidenes Heim
Dazu ein paar Worte: Die nutzlose Bucht. Der Magellan auf seiner Suche nach der Ost-West-Passage musste allerhand Meeresarme durchsegeln, er wusste ja jeweils nicht ob ein Arm bis in den Pazifik reicht. Die "nutzlose Bucht" war eine dieser Sackgassen. Wieso gerade diese für ihn nutzlose Bucht den Namen "nutzlose Bucht" erhielt, und die hundert anderen nicht? Keine Ahnung. Uns jedenfalls gefällt die Aussicht, und der Wind nimmt zu. Die Frage ist, ob wir beide Mätteli nebeneinander am Boden auslegen können, das Hüsli hat einen quadratischen Grundriss und ist eher klein. Nach einigen komplizierten geometrischen Betrachtungen starten wir erste Versuche und finden eine schräg verschobene, diagonale Anordnung. Mit der grossen Plache verhängen wir die Türe und kochen im heimeligen Zuhause unser Znacht. Obwohl der Wind ums Hüsli zieht und an der Plache rüttelt, schlafen wir gut.

Kueche/Schlafzimmer/Wohnzimmer
Der nächste Morgen ist kalt, knapp über 0 Grad, der Wind hat nie aufgehört. Doch wir haben Sonnenschein, so lässt es sich passend vermummt auch gut velofahren, vorallem weil der Wind immer noch von hinten weht. Am hinteren Ende der Bucht zweigen wir gegen Südwest ab, und so bläst uns der Wind direkt in den Gring. Also Gring abe u tschaupe, es ist nicht mehr weit bis zu den Pinguinen, das verschafft Martina ungeahnte Kräfte und Roman ein entspanntes Windschattenfahren.

Ganz unscheinbar liegt der private kleine Naturpark in der Ecke der Bucht an der Strasse, weit und breit kein Massentourismus. Wir sind fast alleine, der Angestellte kassiert saftige 25 Franken pro Person, die einzige Infrastruktur besteht aus einem Wagen mit WC und einem Windschutz. Was rechtfertigt den hohen Preis? Privatgrund einer Estancia, der Besitzer ist Herr und König über Grund und Boden inklusive jeglichen Pinguinen, welche sich dort niedergelassen haben. Wir ziehen alles an was wir dabei haben, und marschieren gegen den immer stärker werdenden Wind zum Strand. Dann sehen wir sie, die Königspinguin-Kolonie.

Koenigspinguine
Ist ganz herzig wie sie da rum stehen, und eher ungelenk und tolpatschig wirken wie sie mit ausgestreckten Armen schwankend langsam hin und her wandern. Ein paar stehen auf den Kleinen, man kann sie unter den Füssen der Papas kaum sehen, nur wenn diese sie füttern, tauchen kleine Schnäbel auf. Wir setzen uns hin und schauen zu, bis uns die Kälte weiter treibt. Einmal mehr werden wir uns schmerzlich dem Windchill-Effekt bewusst, trotz Sonne und einigen Grad über Null fühlt es sich nach ein paar Minuten Sitzen wie mehrere Stunden bei eisiger Bise an. Eine zweite Gruppe Pingus steht am Strand rum, stoisch stehen sie mit dem Bauch zur Sonne, den eigentlich langen Hals eingezogen, wie eine Reihe Härdöpfu-Säcke. Mit den Pinguinen und der Kälte in unseren Knochen fühlt es sich an, als ob wir in der Zwischenzeit per Velo die Antarktis erreicht haben.

wir haben die Antarktis erreicht
Wegen dem Wind stehen wir etwas unschlüssig hinter dem Windschutz rum, dann heisst es plötzlich, wir dürfen sonst da unser Zelt aufbauen und da übernachten. Einen Schritt hinter dem Windschutz hervor, sind wir schnell der Meinung hier sei es ganz schön, und so können wir noch weitere Male nach den Pingus schauen. Auch die inzwischen aufgezogenen Wolken mit Schauern sind nicht gerade ein Argument zur Weiterfahrt. Bald sind wir gut in unseren Schlafsäcken verpackt, und sehr froh über den Komfortbereich bis minus 8 Grad.

Am nächsten Morgen früh raus (Windtrick), wir sagen den immer noch herumstehenden Pinguinen Tschüss und radeln bei bewölktem Himmel weiter gegen den zum Glück schwachen Wind. Warm werden wir wohl nie wieder werden bis wir Feuerland verlassen. Dann biegen wir von der Bucht ab nach Süden, über die Hügel. Nun gibt es plötzlich sowas wie Wald, kleine knorrige Bäume, windzerzaust, sie bieten aber nur wenig Windschutz. Dann beginnt es zu regnen, einzelne Schneeflocken sind dabei, und auch ein paar Graupel und Hagelkörner. Wir kommen im Arbeiterlager eines Forstbetriebs unter, welches sich als Hotel herausstellt. Geheizte Zimmer und heisse Duschen lassen uns grosszügig über den eher hohen Preis hinwegsehen, der eisige Dauerregen draussen bekräftigt uns in unserer Entscheidung dort zu bleiben.

Das Zmorge ist umfangreich wie selten, der Regen hat aufgehört und es scheint wieder die Sonne. Wir fahren weiter gegen Süden, kurz darauf hält ein leerer Bus und der Fahrer fragt ob wir bis zur Abzweigung mit wollen. Gratis selbstverständlich. Wir sind überrumpelt, eigentlich wären es super Bedingungen zum radeln. Trotzdem sitzen wir dann im Bus und bereuen es, das mörderische Tempo lässt die schöne Landschaft viel zu schnell vorbeifliegen.

Feuerland mit der Darwin-Kordilliere
Zum Glück "verlieren" wir so nur 40 km, bei der Abzweigung zur Grenze steigen wir aus. Mit Rückenwind sind wir bald am chilenischen Grenzposten, kurz abgestempelt, die letzte Ausreise aus Chile. Dreimal sind wir in Chile eingereist, und nun auch dreimal ausgereist. Argentinien ist nicht weit, die Grenze überquert, nur der Fluss trennt uns noch vom argentinischen Grenzposten. Das Wasser ist zwar kalt, aber viel weniger tief als erwartet. Bluttfuss und mit hochgekrempelten Hosen waten wir durch, und schon sind wir ebenfalls zum dritten Mal in Argentinien eingereist.

Der Westwind treibt uns auf der Strasse weiter, und wir treffen auf ein Strassenschild, dass uns unmissverständlich vor Augen hält, was wir bis jetzt noch nicht so ganz wahrhaben wollten: ein erstes Mal ist Ushuaia angeschrieben. Doch noch sind wir nicht dort.

Ushuaia 266 km
Die gelbe Steppe Argentiniens hat uns wieder. Wir lassen uns Richtung Atlantik blasen, über Hügel nach Osten. Eine kurze Pause verschafft uns die dritte Velopanne unserer Reise: Roman hat hinten pladi. Gegen Abend steuern wir eine Estancia an. Der einsame Gaucho bietet uns den leeren Pferdestall an, wir lassen uns nicht lange bitten und nehmen den Wind- und Regenschutz. Die Rössli sind alle draussen, also teilen wir die Halle nur mit ein paar Spatzen. Wir breiten unsere Plache aus und richten uns ein.

Estancia Cauchicol mit Rossstall
Bis Rio Grande sind es nur noch 30 km, die sind am nächsten Morgen bald geschafft. Kurz nachdem wir die Ruta 3 erreicht haben, kreuzen wir Judith und Christ-Andri, die gerade aus Rio Grande kommen und jetzt Richtung Süden nach Ushuaia radeln. Sie inspirieren uns zu einem weiteren Umweg, weg von der Hauptstrasse mit dem schnellen und gefährlichen Verkehr. Wir verabreden uns in Ushuaia. Viel Spass auf den letzten paar Kilometer! Das Ziel liegt schon so nah.

Wie schon geschrieben, Rio Grande ist nichts schönes. Industrie, Verkehr, kein Tourismus und daher auch fast keine Unterkünfte. Das Günstigste ist teurer als vieles bisher, teurer als die grössten Touriorte El Chalten oder El Calafate. Wir sind hier um einzukaufen und ein paar organisatorische Dinge per Internet zu erledigen, der Besitzer des Hospedaje ist sehr unfreundlich und wir wollen darum so bald wie möglich weiter.

So sind wir schon am nächsten Morgen wieder unterwegs, nach Süden, nach Ushuaia. Es liegt in greifbarer Nähe, vier oder fünf Tage noch. Die Hauptstrasse Ruta 3 stellt sich als die bisher gefährlichste Strecke heraus, eigentlich eine Autobahn mit Begrenzung auf 110 km/h, welche die Argentinier als Mindestgeschwindigkeit für äussert knappe Überholmanöver interpretieren. Wir biegen zu unserem Umweg ab, wieder raus in die Steppe, über Schotter. Dieser Umweg ist nochmals wunderschön, in der Ferne liegt die Darwin-Kordilliere und wir sind alleine. Es gibt immer mehr Bäume, knorrig und komplet mit Flechten verhangen.

Irgendetwas kommt uns spanisch vor. Irgendetwas ist anders heute. Bis wir es endlich herausfinden: es hat praktisch keinen Wind! Was ist los? Die Ruhe vor dem Sturm? Wetteranomalie? Wir trauen dem Frieden nicht, das kann doch nicht sein. Also vorsichtig weiter, jede falsche Bewegung könnte die Windstille zerstören. Dann sind plötzlich die immer präsenten Zäune neben der Strasse weg, freier Zugang zum Land! Als dann ein kleiner Märchenwald mit den bärtigen Bäumen auftaucht, verschwinden wir sofort zwischen den Stämmen und suchen einen Zeltplatz. Gut geschützt, doch wovor? Es geht immer noch kein Wind, ganz unheimlich. Als das Zelt steht, beginnt es wieder zu regnen und wir verkriechen uns.

zeltlen im Maerliwald
Weiter gehts, wieder Sonne aber immer noch kein Wind. Dafür wie gewohnt tiefe Temperaturen. Hügelig gehts weiter, durch Wald und Steppe, in der Ferne ein See. Bald ist der Umweg zu Ende und wir müssen wieder zurück auf die Ruta 3. Der Himmel verdunkelt sich, Wolken ziehen Regenschleier hinter sich her. Wir ziehen schon mal unser Regenzeug an, und schwitzen kräftig wenn es bergauf geht. Zurück auf der Ruta 3 wird es mühsam. Der Verkehr ist schnell und gefährlich, jedes Mal wenn wir ein Auto im Rückspiegel sehen, fahren wir präventiv in den Kiesstreifen an der Seite. Manchmal werden wir auch unsanft dorthin gehupt. Ein wenig später verdunkelt sich der Himmel. Es grummelt, und dann gehts los mit Blitz und Donner, die Gewitterzelle liegt ganz nah. Wir werden plötzlich von Hagelschauern bombardiert, wir halten an. Mit dem Füdli zum Wind stehen wir da und frieren, anziehen können wir nichts mehr weil sonst alles nass wird. Der Helm hält das Schlimmste ab, die Hagelkörner sind zum Glück nur kirschsteingross, doch bedeckt schon bald eine dünne Schicht die Strasse und unsere Saccoschen. Die Temperatur fällt, wir müssen weiter und uns bewegen sonst wird es zu kalt. So ist das hier mit dem Wetter am Ende der Welt. Es wechselt innerhalb von Minuten, von Sonnenschein zu Hagel mit Temperaturen um null Grad, dann Wind und Regen. Jeden Tag gibts alle Jahreszeiten, das Prognosesymbol der Wetterseiten zeigt immer eine Wolke, Regen und Sonne, dazu Wind und Temperaturen zwischen 0 und 10 Grad. Wir fahren weiter, der nächste Ort liegt nahe, noch 5 km bis wir in Tolhuin eintreffen. Wir wissen, dort gibt es eine velofreundliche Bäckerei, ev kriegen wir dort ein Bett unter einem richtigen, wasserdichten Dach! Mit gesenktem Kopf, zwischen den rasenden Lastwagen und dem Hagel, fahren wir so schnell wie möglich dorthin.

Die Bäckerei ist riesig, und alle Leute auf der Reise von oder nach Ushuaia stoppen dort um etwas zu kaufen. Tropfnass und durchgefroren patschen wir in saftenden Schuhen dort rum bis wir den Chef finden. Der macht nicht viele Worte und dirigiert uns um das Haus zur Lagerhalle und Empanadabäckerei, wo er uns ein Zimmer und ein Bad mit heisser Dusche präsentiert. Wir können es kaum glauben, doch ohne unsere Dankesrede abzuwarten ist der Chef schon wieder weg. Wir parkieren unsere Velos neben den gestapelten Mehlsäcken, schälen uns aus dem Regenzeug und ziehen warme und trockene Kleider an. Kurz darauf fritiert uns die Empanadabäckerin 4 Empanadas und macht uns einen Café. Neben dem riesigen Ofen ist es warm und unser Tag ist nach dem Hagelsturm mehr als gerettet.

Es fehlt nicht mehr viel, etwas mehr als 100 km. Wir müssen noch über eine Kette der Darwin-Kordilliere, dann haben wir es geschafft. Es geht schnell vorwärts, und nach dem Mittag stehen wir schon auf dem Paso Garibaldi.

der letzte Pass
Da stehen wir nicht lange, es ist kalt. Wir ziehen für die Abfahrt noch mehr an, und unten im Tal schauen wir schon bald nach einem letzten Zeltplatz. Hier ist es nicht mehr so schwierig, es hat Wald und Flüsse, mitten in der Darwin-Kordilliere ist von der windigen Steppe nichts mehr zu sehen. Die Gipfel sind verschneit. Es gibt immer wieder Regenschauer, dazwischen Sonne, aber immer ist es kalt und feucht. Unser Zelt stellen wir in den Wald, gleich neben der Dreckpiste der Motocross-Strecke. Zum Glück ist dort wenig Verkehr, und wir verbringen eine ruhige letzte Nacht unterwegs.

Der letzte Tag bricht an. Knappe 35 km, dann sind wir unten. Es ist ein komisches Gefühl, wir stopfen unsere Saccoschen und brechen auf. Kalt zieht der Wind durch die Kleider, der Himmel ist grau verhangen. Dann sehen wir den Beagle-Kanal, kurz darauf fahren wir in das Industriegebiet vor Ushuaia. Es geht durch Lagerhallen und Autogaragen, dann über einen letzten Hügel und wir passieren den Eingang zur Stadt. Kurze Zeit später stehen wir im Zentrum von Ushuaia.

Keine Fanfaren, kein Freudengeschrei. Nur ganz viele komische Gefühle. Wir sind da, am Ende der Welt. Und am Ende unserer Veloreise. Die Ankunft am Ziel ist eigentlich nicht das, was wir angestrebt haben, schliesslich ist das Reisen mit dem Velo das Schöne, nicht die Ankunft am Ende der Reise. Wir fühlen uns ein bisschen leer und orientierungslos. Plötzlich sind wir da. Was machen wir jetzt? Nun, zuerst mal weiter wie immer wenn wir eine Stadt erreichen: Ein Zuhause suchen, einkaufen, Tourismusbüro. Ins Internet für Mails und Spot-Karte aktualisieren. Ushuaia ist teuer, wir steuern den von anderen Velölern empfohlenen Camping an, hoch oben über der Stadt und der Bucht. Es beginnt zu Regnen.

Jetzt sind wir schon seit 2 Tagen hier, es ist kalt, am Morgen liegt frischer Schnee auf den Gipfeln rund um Ushuaia. Langsam wird uns bewusst dass wir hier angekommen sind. Allerdings bleibt das komische Gefühl noch. In der Zwischenzeit haben wir auch Judith und Christ-Andri wieder getroffen, wir organisieren nun zusammen unsere Rückreise nach Buenos Aires. Es tut gut nicht alleine hier unten zu sein mit all den Reise-fertig-Gefühlen.

Noch können wir einige Kilometer weiter fahren, bis ans Ende der Strasse. Das machen wir morgen, als definitiver Abschluss der Veloreise. Selbstverständlich sind wir noch nicht fertig mit dem Blog und erzählen, es geht weiter hier, so wie unsere Reise auch noch ein bisschen weiter geht, halt einfach nicht mehr mit dem Velo.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Rio Grande

Wir sind nach der West-Ost Durchquerung von Feuerland über die Abenteuerroute in Rio Grande angekommen. Rio Grande ist nichts schönes, der Camping unverschämt teuer und nicht mal schön (windiger Hinterhof). Wir bleiben nicht hier sondern nehmen so schnell wie möglich (also morgen) den Rest von Feuerland in Angriff. In Gedanken sind wir schon fast unten, aber es liegen nochmal etwa 250 km durch Wind und Kälte vor uns, bis wir in ungefähr 5 oder 6 Tagen wirklich und endgültig in Ushuaia, am Ende der Welt und am Ende unserer Veloreise ankommen werden.

Die hinter uns liegende Strecke war sehr schön und die Königspinguine in der nutzlosen Bucht waren härzig. Viel Wind, Regen, Graupelschauer und auch Sonne, dazu eine Nacht im Bushäuschen und eine im Rossstall, dazwischen eine zum erholen im Hotel. Und natürlich wieder mal eine Flussquerung an der argentinisch-chilenischen Grenze, die sich aber als halb so schlimm wie erwartet herausgestellt hat.

Aber die ganze Geschichte zu ganz Feuerland folgt dann aus Ushuaia. Wir werden nochmals einen kleinen Umweg fahren um dem Verkehr auf der Hauptstrasse entfliehen zu können. Bis in Ushuaia haben wir wohl kein Internet mehr, und nun auch keine Möglichkeit die Karte über das Handynetz zu aktualisieren weil wir kein argentinisches SIM-Chärtli haben. So werden wir die letzten Kilometer ganz alleine unterwegs sein bevor ihr dann unser Freudengeschrei aus Ushuaia vernehmen werdet.

Freitag, 24. Januar 2014

Zur Magellanstrasse

Jetzt gehts langsam los mit all den "suedlichstes Blabla der Welt", und ihr muesst jetzt wohl oder uebel mit uns durch das Alles hindurch. Unsere naechsten Eintrage werden also kunstvoll ergaenzt mit diversen Zielen, die wir hier, je weiter wir nach Sueden vorstossen, nadisnaa erreichen. 

In Puerto Natales brechen wir frisch erholt auf, um die kurze Etappe nach Punta Arenas hinter uns zu bringen. Unsere Velofreunde aus der Schweiz (die wir in Villa O'Higgins getroffen haben), sind jetzt immer einige Tage vor uns unterwegs, und wir profitieren von aktuellen Tipps zur Strecke vor uns. So wissen wir, wo wir in den naechsten Naechten ein bisschen Windschutz zum schlafen finden.

Wir radeln also los, wieder raus in die windige Steppe. Da wir aber einigermassen nahe von den hier nur noch wenig hohen Anden sind, existiert sogar etwas Vegetation. Das gelbe strohige Gras liegt weiter oestlich,   hier hat es sogar richtig gruenes Gras und Buesche. Teilweise sogar Baeume. Der gesamten Vegetation sieht man sehr eindeutig an, das der Wind hier ununterbrochen und sehr einseitig blaest. 

Baeume mit Foehnfrisur
Es ist so, dass die Baeume nicht nur voruebergehend vom Wind so zurecht geblasen werden. Da die Baeume in konstantem Wind wachsen, sehen sie auch bei (unglaublich seltener) Windstille so aus. Wenn man also so gluecklich ist, und einen windstillen Moment in Patagonien erlebt, erinnert einem die Vegetation immer daran, was eigentlich der Normalzustand ist.

Wir radeln zwischen Regenschauern und bei Seitenwind richtung Suedost, auf der anschliessenden Strecke gegen Osten haben wir den Wind sogar fuer einige Kilometer im Ruecken und es geht zackig voran, wir haben gegen Nachmittag schon mehr als 100 km auf dem Tacho.

Wir wollen unser Glueck nicht strapazieren und nutzen eine Schlafgelegenheit bei der Polizei. Ein windschiefer Schuppen bietet Ruhe vor Wind und Graupelschauern. Wir verzichten auf unser Zelt, und richten einen Schlafplatz ein. In der Nacht faellt die Temperatur runter, wir erwachen und es ist nur knapp ueber 0 Grad. Der noch schwache Wind fuehlt sich eisig an, wir ziehen all unsere Kleider an und radeln kurz nach Sonnenaufgang los (ihr koennt euch sicher an den Trick mit dem Wind am fruehen Morgen erinnern). Nach ein paar Kilometern sind wir so durchgefroren, dass wir in einem Bushaeuschen unsere Fuesse und Haende auftauen muessen, und hoffen, dass die Sonne bald durch die Wolken drueckt. Zum Glueck finden wir in der naechsten kleinen Ortschaft ein Restaurant und bestellen heisse Schoggi, Cafe und Kuchen. Wir tauen auf und warten auf angenehmere Verhaeltnisse.

Da wir so frueh los sind, haben wir schon bald nach dem Mittag wieder gegen 100 km geschafft, aber der Wind nimmt zu. Deshalb verzichten wir auf die weiteren 50 km bis Punta Arenas, obwohl wir das eigentlich schon noch schaffen koennten. Aber da es hier gerade eine Estancia hat, und wir dort auch einen windgeschuetzten Zeltplatz erhalten, bleiben wir. Den Nachmittag verbringen wir im Zelt mit lesen, ueber uns surrt ein Windrad immer mehr. Gegen Abend setzt Regen ein, und es wird wieder kalt.

Am Morgen glitzert unser Zelt, die Finger frieren beim Hantieren mit dem Kocher rasch ein. Zum Glueck kann man sie danach ueber dem Kocher wieder auftauen. Die Sonne verwandelt den Reif im Zelt in Wasser, und wir rollen beim Abbauen einige Extrakilos Wasser mit ein. Die werden bis zum Abend den ganzen Zeltsack befeuchtet haben. Ueber unseren Koepfen schwenkt das Windrad froehlich gegen Sueden und beginnt wieder zu surren. Auch schoen, dass unsere Strasse hier ebenfalls gegen Sueden schwenkt, wir freuen uns auf 50 km Gegenwindarbeit.

Es ist dann weniger schlimm als erwartet, dafuer nimmt der Verkehr stark zu. Viele grosse Lastwagen ueberholen uns und vor den Huegelkuppen werden wir immer wieder in den Kiesstreifen gehupt weil die Lastwagenfahrer nicht bremsen wollen. Dann glitzert es blau am Horizont.

Wir erreichen ein weiteres markantes Ziel: die Magellanstrasse. Dieser Meereskanal um die Suedspitze des Kontinents markiert eigentlich das Ende unserer Festland-Reise. Hier ist der suedamerikanische Kontinent zu  Ende, weiter suedlich liegen nur noch Inseln.

Magellanstrasse und Feuerland
Wir radeln jetzt entlang der Magellanstrasse noch einige Kilometer weiter Richtung Sueden, noch sind wir nicht ganz am Ende angelangt. Der Verkehr nimmt zu, die Strasse wird 4-spurig, man darf jetzt 100 km/h fahren. Wir versuchen es, aber kommen nicht ueber 15 km/h. So brauchen wir doch noch mehr als eine Stunde, bis wir das Stadtzentrum von Punta Arenas erreichen. Wir durchqueren Industriegebiet, Hafenanlagen, Windraeder (zur Stromproduktion) und teilen die Strasse mit dem Schwerverkehr. Das haben wir irgendwie nicht erwartet, Punta Arenas ist viel groesser als erwartet! Seid Temuco haben wir keine groessere Stadt mehr gesehen. Wir schaffens zur Plaza und machen uns im sehr touristischen Zentrum auf die Suche nach einem Hostel fuer die naechsten paar Naechte.

Das ist also der Ort, wo wir unsere Reise auf dem Festland beenden. Punta Arenas liegt an der Magellanstrasse, und auf der anderen Seite der Magellanstrasse liegt Tierra del Fuego (fuer unsere fremdsprachenunbegabten Leser: Feuerland). Tierra del Fuego ist eine grosse Insel, Chile und Argentinien teilen sie sich. Ganz unten im Sueden von Tierra del Fuego liegt Ushuaia, unser endgueltiges Ziel.

Bevor wir die Faehre nach Feuerland nehmen, machen wir aber noch einen kleinen Ausflug. Wir haben den Tipp gekriegt, dass man ein bisschen suedlich von Punta Arenas Delfine sehen kann. Das versetzt Martina in grosse Freude (Deufiinli! Deufiinli ga luege!!), und wir radeln leichtbepackt dorthin. Tatsaechlich kann man vom Strand aus sehen, wie sich da eine ganze Horde (die biologisch korrekte Bezeichnung fuer eine Gruppe Delfine ist uns unbekannt) tummelt.

Delfinli
Neben ein paar unscharfen Fotos produzieren wir auch einige verwackelte Filmli, so erfreut sind wir ueber den Anblick. Als dann die Ebbe einsetzt, verschwinden sie, und wir fahren wieder zurueck nach Punta Arenas. Der Seitenwind blaest uns arg in die Raeder (die sind sonst immer von den Saccoschen verdeckt), es geht hier einfach nicht ohne Wind.

Jetzt liegt Feuerland vor uns, 550 km Wind und Kaelte. Noch sind wir uns der Route nicht ganz sicher, es gibt zwei Moeglichkeiten. Die einfachere Variante bedeutet aber viel Verkehr und viel oede Pampa. Die Alternative fuehrt weiter suedlich durch das Zentrum von Feuerland und ueber einen weiteren unbedeutenden Grenzuebergang. Anstatt durch die Pampa fuehrt diese Schotterstrasse aber durch den teilweise mit Wald bewachsenen Teil von Feuerland, durch huegeliges Gebiet, das soll reizvoller sein als die Hauptstrasse entlang der Kueste. Das Hauptproblem sind nicht die Schotterstrasse oder die eher schlechte Versorgungslage (5 Tage ohne Einkaufsmoeglichkeit), auch nicht die fehlende Bruecke am Grenzfluss (mit solchen Dingen haben wir ja langsam Erfahrung...), sondern, wer haette das gedacht, der Wind. Nach dem Grenzuebergang muessen wir so oder so zur Ostkueste von Feuerland, nach Rio Grande. Dort haben wir wohl die naechste Einkaufs- und Internetmoeglichkeit, bis dahin brauchen wir wohl zwischen 3 Tagen (super-optimistisch) und einer Woche. Abhaengig von was schon wieder? Aja, vom Wind.

Falls ihr aus Rio Grande nichts von uns hoert, 200 km weiter haben wir dann Ushuaia erreicht. Von dort werdet ihr ganz bestimmt was von uns hoeren, der Wind wird unser Freudengeschrei wohl ueber den Atlantik bis in die Schweiz tragen. Zuerst kommt jetzt aber noch das letzte Veloabenteuer unserer Suedamerika-Reise: Die Durchquerung von Tierra del Fuego.

Sonntag, 19. Januar 2014

Wind und die Torres del Paine

Wer hätte das gedacht, wir sind wirklich ohne zu schummeln von Calafate bis Puerto Natales gefahren. Dabei haben wir einige Einsichten gehabt bezüglich des Windes (daher haben wir es auch geschafft die Strecke zu radeln). Auch haben wir ein paar fröhliche Wandertage im Nationalpark Torres del Paine eingeschoben. Im Anschluss erreichten wir Puerto Natales unter erschwerten Umständen, Roman hatte einmal mehr eine kleine Auseinandersetzung mit seinen inneren Organen in der Bauchregion. Jetzt sind wir schon fast beängstigend weit im Süden, und erholen uns in einem Hostel für die letzten paar hundert Kilometer bis Ushuaia und dem Ende der Welt.

Mit frohem Mut bereiten wir uns in El Calafate auf eine windige Strecke bis zum berühmten Nationalpark Torres del Paine vor, studieren intensiv Windprognosen (unsere neue Lieblingswebseite dazu ist windguru.cz) und merken, dass wir nicht darum herum kommen, auch mal gegen den Wind anzustrampeln. Wenigstens kommen die Windgeschwindigkeiten wieder in den Normalbereich von 30 bis 50 km/h runter. Wir werden es einfach versuchen und wenn es gar nicht mehr geht, stoppen wir einen Pickup oder Bus.

Wenn man unsere Ruhetage in El Chalten und El Calafate zusammenzählt (unterbrochen von einem Velotag) gibt das mehr als eine Woche Erholung, wir fühlen uns also definitiv wieder fitter als am Ende der Carretera Austral oder nach dem Mayer-Intermezzo. Vor der Abfahrt füllen wir noch kurz unsere Brennstoffvorräte auf, doch der Andrang vor den Zapfsäulen zwingt uns in die Warteschlange mit den Autos, was uns einige erstaunte Blicke beschert.

mal kurz tanken

Dann geht es los, mit Rückenwind schön zackig zurück zur Ruta 40. Wir lassen die Berge und Gletscher hinter uns um einen Umweg von 300 km zu fahren, weil die Chilenen und Argentinier es nicht schaffen, die Strasse über einen Pass als Direktverbindung zwischen Calafate und dem Torres del Paine von nur gerade 80 km offiziell für den Touristenverkehr zu öffnen. Wander- und Velotouristen würde so den Ausflug in die windige Steppe erspart bleiben. Auf unsere Erkundungen in der Touriinfo und bei der Polizei, was denn geschehe, wenn wir die Grenze ohne Stempel überqueren, sehen sie uns erschrocken an und halten dann reflexartig die Handgelenke zusammen: Handschellen, Gefängnis, wahrscheinlich lebenslänglich. Wir verwerfen diese Alternative.

So bläst uns also der Wind noch Osten, wir kreuzen andere Velofahrer. Sie sehen nicht nur glücklich aus, sie müssen ja gegen den Wind. Was uns ein erstes Mal stutzig macht ist, dass die alle schon fast 100 km auf dem Zähler haben obwohl erst mal 10 uhr ist! Wir halten sie für Extremradler und lassen uns weiterblasen. Bald sind wir wieder von der Steppe umgeben, und nach einem weiteren Zmittag im Tunnel unter der Strasse gehts bergauf. Oben hat man eine Weitsicht bis zu den fernen Bergen, unsere Strasse zieht sich endlos durch die gelbe Steppe.

man suche die Strasse

Nun haben wir zwar nicht mehr direkten Rückenwind, aber trotzdem kommen wir flott voran, wir wollen bis zur Abzweigung einer Schotterpiste, wo wir dann endgültig zum Seiten- und Gegenwind abdrehen müssen. An der Abzweigung steht ein Haus des Strassenbaus, der arme Typ wohnt dort mitten im Nichts an einer Kreuzung. Wasser, Gas und alles weitere zum leben kommt per Lastwagen dorthin. Er lässt uns in einem kleinen Haus übernachten, wir haben Matratzen und müssen uns nicht wegen dem Wind sorgen. Die Weite der Steppe ist beeindruckend, alles flach, kein Baum, nur am fernen Horizont sind knapp die Anden sichtbar. Der Wind schiebt Wolken über den Himmel, man könnte immer wieder den Fotoapparat rausnehmen und den dauernd ändernden Himmel festhalten.

Wir sind nicht alleine in unserem Strassenbauhaus, mit uns logieren dort zwei argentinische Velöler. Sie fahren von Ushaia bis Bolivien, alles in Argentinien, alles über die Ruta 40. Das sind mehrere tausend Kilometer Wind und Steppe, ohne Wasser und nur selten ein Dorf. Fast alles gegen den Wind. Danke nein, nichts für uns. Am nächsten Morgen hören wir sie schon um 5 Uhr, weg sind sie. Wir schlafen weiter, zum zweiten Mal ein bisschen stutzig weil hier anscheinend alle so früh unterwegs sind. Der nette Herr vom Strassenbau meint dann, manchmal sei der Wind am Morgen ein bisschen schwächer. Danke für die Info, leider haben wir schon wieder ausgeschlafen und es ist 9 uhr, der wind frischt gerade auf als wir losfahren. Heute werden wir es so richtig bereuen, dass wir nicht schon bei Sonnenaufgang (irgendwann zwischen 5 und 6 Uhr) losgefahren sind!

Unsere Abkürzung ist eine Schotterstrasse von 65 km Richtung Südwest, dann kommen wir wieder auf die Ruta 40. Der Wind nimmt stetig zu, unsere Geschwindigkeit dagegen stetig ab. Nirgends ein Windschutz, keine Möglichkeit zum zelten, keine Röhren unter der Strasse, nur Wind und Steppe und eine gerade Strasse quer durch.



Zum Glück sind wir einigermassen fit und ausgeruht, so mögen wenigstens unsere Beine, auch wenn es im Kopf fast mühsamer ist, gegen den Wind anzukämpfen. Gegen Abend wird es ganz mühsam, wir können kaum mehr fahren, fast rutscht das Velo seitwärts im Schotter. Kurz vor dem Ziel kommt uns ein umgebauter Toyota Landcruzer entgegen, schweizer Nummernschild. Weil Roman wegen dem Wind auf der falschen Strassenseite steht halten sie an, und wir ploudere eine Weile. Wobei man bei den Windverhältnissen nicht wirklich ploudere kann sondern sich eher anschreit. Sie füttern uns durchs Autofenster mit Kuchen und bieten an unsere Saccoschen zur Kreuzung zu bringen. Wir lehnen dankend ab, ohne Saccoschen würden wir wohl fortgeblasen. Zum Glück sind es nur noch wenige Kilometer, und gestärkt mit dem Kuchen schaffen wir auch die noch. An der Kreuzung steht ein Polizeiposten, der junge und sehr militärisch frisierte Polizist lässt uns hinter einem Windschutz in den Bäumen beim Posten zelten. Die geflochtene Wand bricht den Wind gerade bis zur Gibelhöhe unseres Zelts, wir hören den Wind heulen doch unser Zelt steht ohne Flattern im Wäldli. Sogar das WC vom Posten dürfen wir brauchen. Hier in Argentinien ist die Polizei wohl mindestens draussen in der Steppe noch ein Freund und Helfer. Martina erfährt beim Schwatz im Posten, dass heute ruhige Wind-Verhältnisse herrschen. Nicht viel Wind, weniger als normal. Normal seien so 80 km/h, und es kann schon mal 120 km/h geben! Erheiternde Vorstellung dass die aktuellen 60 km/h "ruhige Verhältnisse" sind.

windtechnisch ruhige Verhaeltnisse (Wolken!)

Da uns am nächsten Morgen eine Strecke gegen den Wind erwartet, wollen wir den Frühaufstehertrick anwenden. Den Wecker auf 4 Uhr, dann sind wir um 6 Uhr abfahrbereit. Als wir aufstehen ist es windstill. Wir jubilieren, geht unser Plan sogar auf? Zaghaft radeln wir los, gefasst darauf, dass jederzeit eine erste Böe das Ende des Friedens ankündigt. Gegen 10 Uhr erreichen wir bereits die Grenze zu Chile, und kurz darauf sind wir in Cerro Castillo. Einmal mehr wird uns an der Grenze das Essen kontrolliert, und da wir ja schon um 5 gegessen haben, ist jetzt um 10 eigentlich Zeit für das Zmittag. Wir kochen alles, was sie uns wegnehmen wollen und essen wieder einmal direkt vor dem Grenzgebäude. Gerade als wir fertig sind kippt der Frieden mit dem Wind, und kurz darauf wird aus dem strahlend schönen Wetter etwas Ungemütliches mit Regenschauer und Wind, die Temperatur fällt.

Hier müssen wir nun entscheiden wie und wann wir uns den Torres del Paine Park ansehen. Normalerweise besucht man den Park von Puerto Natales aus, welches 60 km weiter südlich liegt. Wir erkundigen uns ob wir nicht von hier direkt in den Park kommen, die Busse müssen ja hier durch um in den Park zu gelangen. Es sei möglich, da komme zwischen 3 und 4 Uhr ein regulärer Bus. Wir organisieren ein Zuhause für unsere Velos, und packen alles zum kochen und schlafen für ein paar Tage in unsere kleinen Rucksäcke. Natürlich kriegen wir da niemals alles rein, schon nur einer der Schlafsäcke füllt jeweils den ganzen Platz. Und wir haben ja auch noch die Küche, ein Zelt und Essen für 4 Tage! Schlussendlich füllen wir unsere blauen Ortlieb-Säcke und binden die mit Riemen an die Rucksäcke dran. Sieht schwer aus, ist es dann auch. Wir warten im Windschutz auf den Bus, und haben eigentlich keine Ahnung was jetzt auf uns zukommt. Wir haben uns vorab kaum informiert, und haben nur einen Wanderführer mit einer kurzen Beschreibung und die vielen Empfehlungen von anderen Reisenden, dass dies einer der Höhepunkte einer Südamerika-Reise sei. Dazu kommen begeisterte Beschreibungen von Reisenden des älteren Semesters, die vor 20 oder 30 Jahren mal dort waren. Einsame, wilde und unberührte Natur.

Nachdem in den wenigen Stunden, in denen wir auf den regulären Bus warten, einige Cars und sehr viel mehr Kleinbusse richtung Park vorbeikommen, dämmert uns, dass wir wohl nicht gerade einsam sein werden dort. Im Bus dann sieht es ein bisschen aus wie im Bus zuhause, die Leute scheinen nicht gerade für ein Outdoor-Abenteuer ausgerüstet zu sein, wir sehen Turnschuhe, Leggins, T-Shirt und nette Accesoirs wie grosse Kopfhörer und Dolce+Gabbana Sonnenbrillen. Dazu normale Rucksäcke mit aufgebundenen Isomatten und unglaublich viele Zelte, alle von der gleichen Marke, wohl gemietet. Draussen heult der Wind und der Bus schwankt arg hin und her wärend der Fahrt zum Park.

Am Haupteingang stehen überall Busse rum, kaum angehalten, informiert uns eine Parkwächterin in welchem Gebäude wir uns registrieren und bezahlen müssen. Wir füllen brav den Zettel aus wo wir Aufenthaltsdauer und geplante Wanderungen eintragen müssen, dazu müssen wir bestätigen, dass wir unter keinen Umständen Feuer machen, und im Falle dass doch, eine angemessene Gefängnisstrafe bis zu 12 Jahren absitzen werden. Danach gibt es einen Infofilm was man alles nicht darf (nur auf dem Weg gehen, kein Feuer machen, keine Kocher benutzen ausser an den bezeichneten Stellen, nirgends wild zelten usw) und dann die Strafen wenn man den Park abfackelt. Wir kriegen eine Stempelkarte die wir wie bei einem OL bei jedem Parkwächter vorweisen müssen, und er macht dann mit der Zange ein Loch beim entsprechenden Eintrag. Dazu gibt es Infos wann die Wanderwege schliessen und eine Karte vom Park. Es hat unglaublich viele Leute da, alle stolpern mit ihren Rucksäcken rum und es herrscht allgemeine Aufregung. Wir lassen uns von einem weiteren Bus bis ins Refugio Las Torres fahren, weil dort auf unserem Plan ein Campingsymbol ist. Das Refugio besteht aus mehreren Hotels und einem riesen Camping am Fuss der Torres del Paine, Scharen von Leuten stiefeln rum von hier nach da, und alle aus dem Bus wälzen sich rüber zum Camping. Wir schliessen uns an, irgendwie mit einem unguten Gefühl im Bauch (nein, keine Magenverstimmung, die kommt erst später) und bezahlen für eine Nacht im Zelt 12.- Franken pro Person für eine lauwarme Dusche und Anstehen damit man auf das WC kann. Die Zelte stehen dicht, unsere Nachbarn liegen keine 3 Meter von uns. Hier verabschieden wir uns endgültig von der Einsamkeit in der Natur.

Die Menschenmassen haben uns ein bisschen die Wanderlust verdorben (für gewisse Leute vielleicht auch bloss ein praktischer Vorwand um zu verschleiern, dass vielleicht gar nie eine allzu grosse Wanderlust vorhanden war...) und wir beschliessen, mal auszuschlafen und dann weiterzusehen. Am nächsten Morgen ist wider Erwarten das Wetter gut, und man kann die Granittürme sehen, die dem Park seinen Namen geben. Wir studieren den Wanderführer und beschliessen, mal zu den Türmen zu wandern. Dort oben hat es einen Zeltplatz vom Conaf, und der kostet anscheinend nichts. Das kommt uns gerade recht, weil alles andere hier so teuer ist, der kleine Kiosk will ein Vermögen für etwas Schoggi, und für ein halbes Brot bezahlen wir 6.- Franken. Also packen wir all unser schweres Zeug zusammen und wandern los.

Wir sind nicht gerade alleine unterwegs, der breit ausgebaute Weg eignet sich vorzüglich für eine Völkerwanderung. Wir überholen keuchende Wanderer ohne Gepäck und werden von Hightech-Wanderer mit windschnittigen Trekkinghosen und superatmungsaktiven GoreTex-Jacken und Karbon-Wanderstöcken überholt. Man sieht wirklich alles hier, von übereifrigen Wandervögel bis zu solchen, die wohl sonst kaum einen Schritt gehen. Wir wandern weiter, stehen zur Seite um Leute durchzulassen und wandern weiter. Die Landschaft ist ohne jeden Zweifel schön, man sieht hinaus in die Steppe und auf der anderen Seite stehen die Berge. Nach ein paar Stunden erreichen wir den gratis Zeltplatz und pflanzen unser Zelt auf den einzigen halbwegs ausreichend grossen Stellplatz mitten im Wald. Noch hat es nicht allzu viele Zelte, wir sind optimistisch das es so bleibt. Wir kochen Suppe und nehmen dann noch den Aufstieg zu den Türmen in Angriff. Oben dann spitzt sich die Lage zu, der Weg wird anspruchsvoller und einige scheinen ernsthafte Probleme zu haben, sei es mit der körperlichen Leistung oder zu wenig Erfahrung. Für einige ist es wohl das Abenteuer des Lebens, zb für den Asiaten, der sich beim zackigen Aufstieg mit einer Kamera an einem Stock beim raufrennen selbst filmt.

Dann ist es geschafft, wir erreichen den Talkessel mit einem See, dahinter stehen die 3 (oder 4, je nach Empfinden) Türme. Sehr beeindruckend, wirklich lohnenswert.

Torres del Paine

Wir setzen uns hin und betrachten die Türme bis uns kalt wird und die Wolken die Türme langsam einnebeln. Es beginnt zu regnen und wir machen uns auf den Rückweg zum Zelt.

Auch der gratis Zeltplatz ist mittlerweile voll, und die zwei WC's werden wohl nicht wirklich umsorgt. Entsprechend sieht es da auch aus. Wir kochen und verschwinden im Schlafsack weil es plötzlich kalt wird. Später merken wir, dass man auch hier eigentlich nur in einem dunklen Schuppen kochen darf, keinesfalls an einer anderen Stelle auf dem Camping und schon gar nicht im Zelt. Ups. 12 Jahre Gefängnis. Langsam haben wir die Nase voll, schöne Landschaft hin oder her.

Wir schlafen aus bis jemand über unsere Abspann-Seile stolpert, kochen brav unser Kaffeewasser im saudreckigen Kochschuppen und machen uns dann wieder auf den Rückweg zum Ausgangspunkt. Auf den Weg zurück (eigentlich schon am Abend vorher) entscheiden wir, dass wir auf weitere Wanderungen verzichten, uns macht das so keinen Spass. Teuer und überfüllt, alles reglementiert und dann trotz hohen Preisen nicht mal saubere WC. Wir nehmen den Bus zurück nach Cerro Castillo und verlassen den Park nach nur eineinhalb Tagen wieder mit gemischten Gefühlen. Wären wir nur 20 Jahre früher gekommen!

Freudig nehmen wir unsere Velos wieder in Empfang, und stellen unser Zelt im Garten bei einem Haus auf. Ganz alleine, wir haben unsere Ruhe. Leider dauert die Ruhe für Roman nicht allzu lange, nach dem Znacht wird es bald zur Gewissheit, dass das Znacht wohl wieder retour kommt. Wieder mal haben wir keine Ahnung wieso es Roman zümpftig durchputzt, Essen oder die WC's im Park, ist dann auch egal, nach ein paar qualvollen Stunden ist die Sache überstanden. Da wir nicht hier bleiben wollen sondern für das Erholen ein Hostel schon schön wäre, müssen wir noch weiter nach Puerto Natales.

patagonischer Sommer

Roman scheint stabil, er kann gehen, dann kann er wohl auch velofahren. Es geht tatsächlich ganz gut, nicht ganz so schnell wie sonst, aber im Windschatten von Martina wird der leere Roman bis Puerto Natales transportiert, wo es zur Belohnung ein Bouillonsüppli gibt. Puerto Natales ist ein kleines Städtchen und touristisch ganz auf den Park ausgerichtet. Alle Reisenden in den Park starten hier, entsprechend besteht der Ort aus Hotels, Reiseveranstaltern, Outdoorshops und Busunternehmen. Trotzdem scheint der Ort nicht unsympathisch, und wir finden ein bezahlbares Hostel mit Doppelzimmer und Privatbad und Heizung, Küche und Internet. Hier bleiben wir bis die Nahrungsaufnahme von Roman wieder problemlos läuft, im Moment gibts Härdöpfelstock mit Fisch, soweit alles unter Kontrolle.

Leider leider wird die Liste mit unseren Verlusten immer länger. Bis jetzt war es halb so schlimm, wir mussten erst den Verlust von einem Schnitzer, einer Gabel und unserem Schneidbrett beklagen. Nun wurde uns aber vor dem Hostel unser oranges Spot-Gerät gestohlen. Zum Glück nichts überlebenswichtiges wie zb die Velos, aber trotzdem ärgerlich. Nun können wir leider nicht mehr auf Knopfdruck unsere Position auf der Karte im Blog einzeichnen. Es gibt aber immer noch die Möglichkeit, dass wir die Position halt von Hand aktualisieren können, aber nur wenn wir Internetzugang haben. Daher schränkt sich die Häufigkeit auf die grösseren Orte ein, der nächste Punkt dürften wir wohl in Punta Arenas setzen können. Ich weiss, einige (wenige) hingen wirklich daran jeden Schritt von uns verfolgen zu können, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Nachdem in Peru und Bolivien nie etwas geschehen ist, haben wir der Menschheit wohl zu fest vertraut. Hier unter all den "reichen" Reisenden ist die Gefahr bestohlen zu werden scheinbar grösser als in den armen Ländern, wo die Leute nur einen Bruchteil von unserem Reichtum haben.

So, gesund werden, und dann gehts weiter, 2 bis 3 Tage bis Punta Arenas, von dort wohl in etwas mehr als einer Woche nach Ushuaia. Dazwischen gibts viel Wind und eine Königspinguin-Kolonie, wenn möglich machen wir dort noch einen Zwischenstopp. Und dann ist das Ende der Welt schon bald erreicht!