Wir haben uns also für Feuerland nochmals eine Extraroute herausgesucht, inspiriert haben uns die zwei schweizer Velofahrer (kennen wir seit Villa O'Higgins), und soviel Zeit wir in der Zwischenzeit zusammen verbracht haben, dürfen wir sie hier jetzt wohl auch vorstellen: Judith und Christ-Andri. Da diese Route nochmals etwas abgelegen ist, haben wir für 5 Tage Vorräte geladen. Dazu suchte Roman die Koordinaten aller Estancias, ermittelt aus Satellitenbildern, damit wir zum schlafen einen Windschutz ansteuern können. So vorbereitet, fahren wir am frühen Morgen zum Hafen in Punta Arenas, wo die Fähre nach Porvenir ablegt. Das Wetter zeigt sich angenehm, nur wenig Wind, Sonne und mit Händsche, Chappe und Buff lässt sich auch die Temperatur ertragen. Nach 2 Stunden ist die Magellanstrasse überquert, Martina hat teilweise einen eher starren Blick zum Horizont. Einmal quert irgend etwas Grosses unseren Weg und bläst ab und zu eine Fontäne in die Luft. Ein Wal?
In Porvenir essen wir unser Zmittag im Windschutz an der Sonne, die Chappe bleibt aber an, trotz "Sommer". Dann machen wir uns auf den Weg, es ist hügelig und wir sind zurück auf Schotter, soweit gut fahrbar, wenns doch nur ein bisschen wärmer wäre! Die Händsche bleiben dran, wenn wir rauf fahren schwitzen wir unter der Chappe, kaum bleibt man stehen wird es kalt, der Wind zieht durch alles durch. Das Auf und Ab der Strasse ist also ein körpertemperaturtechnisches Wechselbad, uns gefriert quasi der Schweiss auf der Stirn. Die Strasse führt gegen Osten, wir fahren also mit Rückenwind. Immerhin. Die Landschaft ist karg, gelbe Ebene, buschig grüne Hügel, dunkelblaues Meer mit weissen Schaumkronen, am Horizont dunkle Bergketten. Selten mal ein Baum, schief im Wind, und hunderte Kilometer Zaun.
An einer Kreuzung steht ein einsames Bushüsli, es ist gegen Abend und wenn wir eins gelernt haben, dann das: Gelegenheiten nutzen! Die Aussicht lässt auch nicht zu wünschen übrig, leicht erhöht über der Bahia Inutil.
| unser bescheidenes Heim |
| Kueche/Schlafzimmer/Wohnzimmer |
Ganz unscheinbar liegt der private kleine Naturpark in der Ecke der Bucht an der Strasse, weit und breit kein Massentourismus. Wir sind fast alleine, der Angestellte kassiert saftige 25 Franken pro Person, die einzige Infrastruktur besteht aus einem Wagen mit WC und einem Windschutz. Was rechtfertigt den hohen Preis? Privatgrund einer Estancia, der Besitzer ist Herr und König über Grund und Boden inklusive jeglichen Pinguinen, welche sich dort niedergelassen haben. Wir ziehen alles an was wir dabei haben, und marschieren gegen den immer stärker werdenden Wind zum Strand. Dann sehen wir sie, die Königspinguin-Kolonie.
| Koenigspinguine |
| wir haben die Antarktis erreicht |
Am nächsten Morgen früh raus (Windtrick), wir sagen den immer noch herumstehenden Pinguinen Tschüss und radeln bei bewölktem Himmel weiter gegen den zum Glück schwachen Wind. Warm werden wir wohl nie wieder werden bis wir Feuerland verlassen. Dann biegen wir von der Bucht ab nach Süden, über die Hügel. Nun gibt es plötzlich sowas wie Wald, kleine knorrige Bäume, windzerzaust, sie bieten aber nur wenig Windschutz. Dann beginnt es zu regnen, einzelne Schneeflocken sind dabei, und auch ein paar Graupel und Hagelkörner. Wir kommen im Arbeiterlager eines Forstbetriebs unter, welches sich als Hotel herausstellt. Geheizte Zimmer und heisse Duschen lassen uns grosszügig über den eher hohen Preis hinwegsehen, der eisige Dauerregen draussen bekräftigt uns in unserer Entscheidung dort zu bleiben.
Das Zmorge ist umfangreich wie selten, der Regen hat aufgehört und es scheint wieder die Sonne. Wir fahren weiter gegen Süden, kurz darauf hält ein leerer Bus und der Fahrer fragt ob wir bis zur Abzweigung mit wollen. Gratis selbstverständlich. Wir sind überrumpelt, eigentlich wären es super Bedingungen zum radeln. Trotzdem sitzen wir dann im Bus und bereuen es, das mörderische Tempo lässt die schöne Landschaft viel zu schnell vorbeifliegen.
| Feuerland mit der Darwin-Kordilliere |
Der Westwind treibt uns auf der Strasse weiter, und wir treffen auf ein Strassenschild, dass uns unmissverständlich vor Augen hält, was wir bis jetzt noch nicht so ganz wahrhaben wollten: ein erstes Mal ist Ushuaia angeschrieben. Doch noch sind wir nicht dort.
| Ushuaia 266 km |
| Estancia Cauchicol mit Rossstall |
Wie schon geschrieben, Rio Grande ist nichts schönes. Industrie, Verkehr, kein Tourismus und daher auch fast keine Unterkünfte. Das Günstigste ist teurer als vieles bisher, teurer als die grössten Touriorte El Chalten oder El Calafate. Wir sind hier um einzukaufen und ein paar organisatorische Dinge per Internet zu erledigen, der Besitzer des Hospedaje ist sehr unfreundlich und wir wollen darum so bald wie möglich weiter.
So sind wir schon am nächsten Morgen wieder unterwegs, nach Süden, nach Ushuaia. Es liegt in greifbarer Nähe, vier oder fünf Tage noch. Die Hauptstrasse Ruta 3 stellt sich als die bisher gefährlichste Strecke heraus, eigentlich eine Autobahn mit Begrenzung auf 110 km/h, welche die Argentinier als Mindestgeschwindigkeit für äussert knappe Überholmanöver interpretieren. Wir biegen zu unserem Umweg ab, wieder raus in die Steppe, über Schotter. Dieser Umweg ist nochmals wunderschön, in der Ferne liegt die Darwin-Kordilliere und wir sind alleine. Es gibt immer mehr Bäume, knorrig und komplet mit Flechten verhangen.
Irgendetwas kommt uns spanisch vor. Irgendetwas ist anders heute. Bis wir es endlich herausfinden: es hat praktisch keinen Wind! Was ist los? Die Ruhe vor dem Sturm? Wetteranomalie? Wir trauen dem Frieden nicht, das kann doch nicht sein. Also vorsichtig weiter, jede falsche Bewegung könnte die Windstille zerstören. Dann sind plötzlich die immer präsenten Zäune neben der Strasse weg, freier Zugang zum Land! Als dann ein kleiner Märchenwald mit den bärtigen Bäumen auftaucht, verschwinden wir sofort zwischen den Stämmen und suchen einen Zeltplatz. Gut geschützt, doch wovor? Es geht immer noch kein Wind, ganz unheimlich. Als das Zelt steht, beginnt es wieder zu regnen und wir verkriechen uns.
| zeltlen im Maerliwald |
Die Bäckerei ist riesig, und alle Leute auf der Reise von oder nach Ushuaia stoppen dort um etwas zu kaufen. Tropfnass und durchgefroren patschen wir in saftenden Schuhen dort rum bis wir den Chef finden. Der macht nicht viele Worte und dirigiert uns um das Haus zur Lagerhalle und Empanadabäckerei, wo er uns ein Zimmer und ein Bad mit heisser Dusche präsentiert. Wir können es kaum glauben, doch ohne unsere Dankesrede abzuwarten ist der Chef schon wieder weg. Wir parkieren unsere Velos neben den gestapelten Mehlsäcken, schälen uns aus dem Regenzeug und ziehen warme und trockene Kleider an. Kurz darauf fritiert uns die Empanadabäckerin 4 Empanadas und macht uns einen Café. Neben dem riesigen Ofen ist es warm und unser Tag ist nach dem Hagelsturm mehr als gerettet.
Es fehlt nicht mehr viel, etwas mehr als 100 km. Wir müssen noch über eine Kette der Darwin-Kordilliere, dann haben wir es geschafft. Es geht schnell vorwärts, und nach dem Mittag stehen wir schon auf dem Paso Garibaldi.
| der letzte Pass |
Der letzte Tag bricht an. Knappe 35 km, dann sind wir unten. Es ist ein komisches Gefühl, wir stopfen unsere Saccoschen und brechen auf. Kalt zieht der Wind durch die Kleider, der Himmel ist grau verhangen. Dann sehen wir den Beagle-Kanal, kurz darauf fahren wir in das Industriegebiet vor Ushuaia. Es geht durch Lagerhallen und Autogaragen, dann über einen letzten Hügel und wir passieren den Eingang zur Stadt. Kurze Zeit später stehen wir im Zentrum von Ushuaia.
Keine Fanfaren, kein Freudengeschrei. Nur ganz viele komische Gefühle. Wir sind da, am Ende der Welt. Und am Ende unserer Veloreise. Die Ankunft am Ziel ist eigentlich nicht das, was wir angestrebt haben, schliesslich ist das Reisen mit dem Velo das Schöne, nicht die Ankunft am Ende der Reise. Wir fühlen uns ein bisschen leer und orientierungslos. Plötzlich sind wir da. Was machen wir jetzt? Nun, zuerst mal weiter wie immer wenn wir eine Stadt erreichen: Ein Zuhause suchen, einkaufen, Tourismusbüro. Ins Internet für Mails und Spot-Karte aktualisieren. Ushuaia ist teuer, wir steuern den von anderen Velölern empfohlenen Camping an, hoch oben über der Stadt und der Bucht. Es beginnt zu Regnen.
Jetzt sind wir schon seit 2 Tagen hier, es ist kalt, am Morgen liegt frischer Schnee auf den Gipfeln rund um Ushuaia. Langsam wird uns bewusst dass wir hier angekommen sind. Allerdings bleibt das komische Gefühl noch. In der Zwischenzeit haben wir auch Judith und Christ-Andri wieder getroffen, wir organisieren nun zusammen unsere Rückreise nach Buenos Aires. Es tut gut nicht alleine hier unten zu sein mit all den Reise-fertig-Gefühlen.
Noch können wir einige Kilometer weiter fahren, bis ans Ende der Strasse. Das machen wir morgen, als definitiver Abschluss der Veloreise. Selbstverständlich sind wir noch nicht fertig mit dem Blog und erzählen, es geht weiter hier, so wie unsere Reise auch noch ein bisschen weiter geht, halt einfach nicht mehr mit dem Velo.