zurückgelegte Strecke

Auf der Karte oben koennt ihr die zurueckgelegte Strecke anschauen, wir aktualisieren unseren Standort wenn wir Gelegenheit dazu haben.

Rechts im Menu Seiten hat es weitere Infos wie Statistiken, Hoehenprofile und das Post-Archiv.

Wenn ihr mit uns Kontakt aufnehmen wollt, schreibt uns ein E-Mail auf unsere privaten Adressen. Wer diese nicht kennt, benutzt diese Adresse: velo.martina.roman
@gmail.com

Donnerstag, 30. Januar 2014

Rio Grande

Wir sind nach der West-Ost Durchquerung von Feuerland über die Abenteuerroute in Rio Grande angekommen. Rio Grande ist nichts schönes, der Camping unverschämt teuer und nicht mal schön (windiger Hinterhof). Wir bleiben nicht hier sondern nehmen so schnell wie möglich (also morgen) den Rest von Feuerland in Angriff. In Gedanken sind wir schon fast unten, aber es liegen nochmal etwa 250 km durch Wind und Kälte vor uns, bis wir in ungefähr 5 oder 6 Tagen wirklich und endgültig in Ushuaia, am Ende der Welt und am Ende unserer Veloreise ankommen werden.

Die hinter uns liegende Strecke war sehr schön und die Königspinguine in der nutzlosen Bucht waren härzig. Viel Wind, Regen, Graupelschauer und auch Sonne, dazu eine Nacht im Bushäuschen und eine im Rossstall, dazwischen eine zum erholen im Hotel. Und natürlich wieder mal eine Flussquerung an der argentinisch-chilenischen Grenze, die sich aber als halb so schlimm wie erwartet herausgestellt hat.

Aber die ganze Geschichte zu ganz Feuerland folgt dann aus Ushuaia. Wir werden nochmals einen kleinen Umweg fahren um dem Verkehr auf der Hauptstrasse entfliehen zu können. Bis in Ushuaia haben wir wohl kein Internet mehr, und nun auch keine Möglichkeit die Karte über das Handynetz zu aktualisieren weil wir kein argentinisches SIM-Chärtli haben. So werden wir die letzten Kilometer ganz alleine unterwegs sein bevor ihr dann unser Freudengeschrei aus Ushuaia vernehmen werdet.

Freitag, 24. Januar 2014

Zur Magellanstrasse

Jetzt gehts langsam los mit all den "suedlichstes Blabla der Welt", und ihr muesst jetzt wohl oder uebel mit uns durch das Alles hindurch. Unsere naechsten Eintrage werden also kunstvoll ergaenzt mit diversen Zielen, die wir hier, je weiter wir nach Sueden vorstossen, nadisnaa erreichen. 

In Puerto Natales brechen wir frisch erholt auf, um die kurze Etappe nach Punta Arenas hinter uns zu bringen. Unsere Velofreunde aus der Schweiz (die wir in Villa O'Higgins getroffen haben), sind jetzt immer einige Tage vor uns unterwegs, und wir profitieren von aktuellen Tipps zur Strecke vor uns. So wissen wir, wo wir in den naechsten Naechten ein bisschen Windschutz zum schlafen finden.

Wir radeln also los, wieder raus in die windige Steppe. Da wir aber einigermassen nahe von den hier nur noch wenig hohen Anden sind, existiert sogar etwas Vegetation. Das gelbe strohige Gras liegt weiter oestlich,   hier hat es sogar richtig gruenes Gras und Buesche. Teilweise sogar Baeume. Der gesamten Vegetation sieht man sehr eindeutig an, das der Wind hier ununterbrochen und sehr einseitig blaest. 

Baeume mit Foehnfrisur
Es ist so, dass die Baeume nicht nur voruebergehend vom Wind so zurecht geblasen werden. Da die Baeume in konstantem Wind wachsen, sehen sie auch bei (unglaublich seltener) Windstille so aus. Wenn man also so gluecklich ist, und einen windstillen Moment in Patagonien erlebt, erinnert einem die Vegetation immer daran, was eigentlich der Normalzustand ist.

Wir radeln zwischen Regenschauern und bei Seitenwind richtung Suedost, auf der anschliessenden Strecke gegen Osten haben wir den Wind sogar fuer einige Kilometer im Ruecken und es geht zackig voran, wir haben gegen Nachmittag schon mehr als 100 km auf dem Tacho.

Wir wollen unser Glueck nicht strapazieren und nutzen eine Schlafgelegenheit bei der Polizei. Ein windschiefer Schuppen bietet Ruhe vor Wind und Graupelschauern. Wir verzichten auf unser Zelt, und richten einen Schlafplatz ein. In der Nacht faellt die Temperatur runter, wir erwachen und es ist nur knapp ueber 0 Grad. Der noch schwache Wind fuehlt sich eisig an, wir ziehen all unsere Kleider an und radeln kurz nach Sonnenaufgang los (ihr koennt euch sicher an den Trick mit dem Wind am fruehen Morgen erinnern). Nach ein paar Kilometern sind wir so durchgefroren, dass wir in einem Bushaeuschen unsere Fuesse und Haende auftauen muessen, und hoffen, dass die Sonne bald durch die Wolken drueckt. Zum Glueck finden wir in der naechsten kleinen Ortschaft ein Restaurant und bestellen heisse Schoggi, Cafe und Kuchen. Wir tauen auf und warten auf angenehmere Verhaeltnisse.

Da wir so frueh los sind, haben wir schon bald nach dem Mittag wieder gegen 100 km geschafft, aber der Wind nimmt zu. Deshalb verzichten wir auf die weiteren 50 km bis Punta Arenas, obwohl wir das eigentlich schon noch schaffen koennten. Aber da es hier gerade eine Estancia hat, und wir dort auch einen windgeschuetzten Zeltplatz erhalten, bleiben wir. Den Nachmittag verbringen wir im Zelt mit lesen, ueber uns surrt ein Windrad immer mehr. Gegen Abend setzt Regen ein, und es wird wieder kalt.

Am Morgen glitzert unser Zelt, die Finger frieren beim Hantieren mit dem Kocher rasch ein. Zum Glueck kann man sie danach ueber dem Kocher wieder auftauen. Die Sonne verwandelt den Reif im Zelt in Wasser, und wir rollen beim Abbauen einige Extrakilos Wasser mit ein. Die werden bis zum Abend den ganzen Zeltsack befeuchtet haben. Ueber unseren Koepfen schwenkt das Windrad froehlich gegen Sueden und beginnt wieder zu surren. Auch schoen, dass unsere Strasse hier ebenfalls gegen Sueden schwenkt, wir freuen uns auf 50 km Gegenwindarbeit.

Es ist dann weniger schlimm als erwartet, dafuer nimmt der Verkehr stark zu. Viele grosse Lastwagen ueberholen uns und vor den Huegelkuppen werden wir immer wieder in den Kiesstreifen gehupt weil die Lastwagenfahrer nicht bremsen wollen. Dann glitzert es blau am Horizont.

Wir erreichen ein weiteres markantes Ziel: die Magellanstrasse. Dieser Meereskanal um die Suedspitze des Kontinents markiert eigentlich das Ende unserer Festland-Reise. Hier ist der suedamerikanische Kontinent zu  Ende, weiter suedlich liegen nur noch Inseln.

Magellanstrasse und Feuerland
Wir radeln jetzt entlang der Magellanstrasse noch einige Kilometer weiter Richtung Sueden, noch sind wir nicht ganz am Ende angelangt. Der Verkehr nimmt zu, die Strasse wird 4-spurig, man darf jetzt 100 km/h fahren. Wir versuchen es, aber kommen nicht ueber 15 km/h. So brauchen wir doch noch mehr als eine Stunde, bis wir das Stadtzentrum von Punta Arenas erreichen. Wir durchqueren Industriegebiet, Hafenanlagen, Windraeder (zur Stromproduktion) und teilen die Strasse mit dem Schwerverkehr. Das haben wir irgendwie nicht erwartet, Punta Arenas ist viel groesser als erwartet! Seid Temuco haben wir keine groessere Stadt mehr gesehen. Wir schaffens zur Plaza und machen uns im sehr touristischen Zentrum auf die Suche nach einem Hostel fuer die naechsten paar Naechte.

Das ist also der Ort, wo wir unsere Reise auf dem Festland beenden. Punta Arenas liegt an der Magellanstrasse, und auf der anderen Seite der Magellanstrasse liegt Tierra del Fuego (fuer unsere fremdsprachenunbegabten Leser: Feuerland). Tierra del Fuego ist eine grosse Insel, Chile und Argentinien teilen sie sich. Ganz unten im Sueden von Tierra del Fuego liegt Ushuaia, unser endgueltiges Ziel.

Bevor wir die Faehre nach Feuerland nehmen, machen wir aber noch einen kleinen Ausflug. Wir haben den Tipp gekriegt, dass man ein bisschen suedlich von Punta Arenas Delfine sehen kann. Das versetzt Martina in grosse Freude (Deufiinli! Deufiinli ga luege!!), und wir radeln leichtbepackt dorthin. Tatsaechlich kann man vom Strand aus sehen, wie sich da eine ganze Horde (die biologisch korrekte Bezeichnung fuer eine Gruppe Delfine ist uns unbekannt) tummelt.

Delfinli
Neben ein paar unscharfen Fotos produzieren wir auch einige verwackelte Filmli, so erfreut sind wir ueber den Anblick. Als dann die Ebbe einsetzt, verschwinden sie, und wir fahren wieder zurueck nach Punta Arenas. Der Seitenwind blaest uns arg in die Raeder (die sind sonst immer von den Saccoschen verdeckt), es geht hier einfach nicht ohne Wind.

Jetzt liegt Feuerland vor uns, 550 km Wind und Kaelte. Noch sind wir uns der Route nicht ganz sicher, es gibt zwei Moeglichkeiten. Die einfachere Variante bedeutet aber viel Verkehr und viel oede Pampa. Die Alternative fuehrt weiter suedlich durch das Zentrum von Feuerland und ueber einen weiteren unbedeutenden Grenzuebergang. Anstatt durch die Pampa fuehrt diese Schotterstrasse aber durch den teilweise mit Wald bewachsenen Teil von Feuerland, durch huegeliges Gebiet, das soll reizvoller sein als die Hauptstrasse entlang der Kueste. Das Hauptproblem sind nicht die Schotterstrasse oder die eher schlechte Versorgungslage (5 Tage ohne Einkaufsmoeglichkeit), auch nicht die fehlende Bruecke am Grenzfluss (mit solchen Dingen haben wir ja langsam Erfahrung...), sondern, wer haette das gedacht, der Wind. Nach dem Grenzuebergang muessen wir so oder so zur Ostkueste von Feuerland, nach Rio Grande. Dort haben wir wohl die naechste Einkaufs- und Internetmoeglichkeit, bis dahin brauchen wir wohl zwischen 3 Tagen (super-optimistisch) und einer Woche. Abhaengig von was schon wieder? Aja, vom Wind.

Falls ihr aus Rio Grande nichts von uns hoert, 200 km weiter haben wir dann Ushuaia erreicht. Von dort werdet ihr ganz bestimmt was von uns hoeren, der Wind wird unser Freudengeschrei wohl ueber den Atlantik bis in die Schweiz tragen. Zuerst kommt jetzt aber noch das letzte Veloabenteuer unserer Suedamerika-Reise: Die Durchquerung von Tierra del Fuego.

Sonntag, 19. Januar 2014

Wind und die Torres del Paine

Wer hätte das gedacht, wir sind wirklich ohne zu schummeln von Calafate bis Puerto Natales gefahren. Dabei haben wir einige Einsichten gehabt bezüglich des Windes (daher haben wir es auch geschafft die Strecke zu radeln). Auch haben wir ein paar fröhliche Wandertage im Nationalpark Torres del Paine eingeschoben. Im Anschluss erreichten wir Puerto Natales unter erschwerten Umständen, Roman hatte einmal mehr eine kleine Auseinandersetzung mit seinen inneren Organen in der Bauchregion. Jetzt sind wir schon fast beängstigend weit im Süden, und erholen uns in einem Hostel für die letzten paar hundert Kilometer bis Ushuaia und dem Ende der Welt.

Mit frohem Mut bereiten wir uns in El Calafate auf eine windige Strecke bis zum berühmten Nationalpark Torres del Paine vor, studieren intensiv Windprognosen (unsere neue Lieblingswebseite dazu ist windguru.cz) und merken, dass wir nicht darum herum kommen, auch mal gegen den Wind anzustrampeln. Wenigstens kommen die Windgeschwindigkeiten wieder in den Normalbereich von 30 bis 50 km/h runter. Wir werden es einfach versuchen und wenn es gar nicht mehr geht, stoppen wir einen Pickup oder Bus.

Wenn man unsere Ruhetage in El Chalten und El Calafate zusammenzählt (unterbrochen von einem Velotag) gibt das mehr als eine Woche Erholung, wir fühlen uns also definitiv wieder fitter als am Ende der Carretera Austral oder nach dem Mayer-Intermezzo. Vor der Abfahrt füllen wir noch kurz unsere Brennstoffvorräte auf, doch der Andrang vor den Zapfsäulen zwingt uns in die Warteschlange mit den Autos, was uns einige erstaunte Blicke beschert.

mal kurz tanken

Dann geht es los, mit Rückenwind schön zackig zurück zur Ruta 40. Wir lassen die Berge und Gletscher hinter uns um einen Umweg von 300 km zu fahren, weil die Chilenen und Argentinier es nicht schaffen, die Strasse über einen Pass als Direktverbindung zwischen Calafate und dem Torres del Paine von nur gerade 80 km offiziell für den Touristenverkehr zu öffnen. Wander- und Velotouristen würde so den Ausflug in die windige Steppe erspart bleiben. Auf unsere Erkundungen in der Touriinfo und bei der Polizei, was denn geschehe, wenn wir die Grenze ohne Stempel überqueren, sehen sie uns erschrocken an und halten dann reflexartig die Handgelenke zusammen: Handschellen, Gefängnis, wahrscheinlich lebenslänglich. Wir verwerfen diese Alternative.

So bläst uns also der Wind noch Osten, wir kreuzen andere Velofahrer. Sie sehen nicht nur glücklich aus, sie müssen ja gegen den Wind. Was uns ein erstes Mal stutzig macht ist, dass die alle schon fast 100 km auf dem Zähler haben obwohl erst mal 10 uhr ist! Wir halten sie für Extremradler und lassen uns weiterblasen. Bald sind wir wieder von der Steppe umgeben, und nach einem weiteren Zmittag im Tunnel unter der Strasse gehts bergauf. Oben hat man eine Weitsicht bis zu den fernen Bergen, unsere Strasse zieht sich endlos durch die gelbe Steppe.

man suche die Strasse

Nun haben wir zwar nicht mehr direkten Rückenwind, aber trotzdem kommen wir flott voran, wir wollen bis zur Abzweigung einer Schotterpiste, wo wir dann endgültig zum Seiten- und Gegenwind abdrehen müssen. An der Abzweigung steht ein Haus des Strassenbaus, der arme Typ wohnt dort mitten im Nichts an einer Kreuzung. Wasser, Gas und alles weitere zum leben kommt per Lastwagen dorthin. Er lässt uns in einem kleinen Haus übernachten, wir haben Matratzen und müssen uns nicht wegen dem Wind sorgen. Die Weite der Steppe ist beeindruckend, alles flach, kein Baum, nur am fernen Horizont sind knapp die Anden sichtbar. Der Wind schiebt Wolken über den Himmel, man könnte immer wieder den Fotoapparat rausnehmen und den dauernd ändernden Himmel festhalten.

Wir sind nicht alleine in unserem Strassenbauhaus, mit uns logieren dort zwei argentinische Velöler. Sie fahren von Ushaia bis Bolivien, alles in Argentinien, alles über die Ruta 40. Das sind mehrere tausend Kilometer Wind und Steppe, ohne Wasser und nur selten ein Dorf. Fast alles gegen den Wind. Danke nein, nichts für uns. Am nächsten Morgen hören wir sie schon um 5 Uhr, weg sind sie. Wir schlafen weiter, zum zweiten Mal ein bisschen stutzig weil hier anscheinend alle so früh unterwegs sind. Der nette Herr vom Strassenbau meint dann, manchmal sei der Wind am Morgen ein bisschen schwächer. Danke für die Info, leider haben wir schon wieder ausgeschlafen und es ist 9 uhr, der wind frischt gerade auf als wir losfahren. Heute werden wir es so richtig bereuen, dass wir nicht schon bei Sonnenaufgang (irgendwann zwischen 5 und 6 Uhr) losgefahren sind!

Unsere Abkürzung ist eine Schotterstrasse von 65 km Richtung Südwest, dann kommen wir wieder auf die Ruta 40. Der Wind nimmt stetig zu, unsere Geschwindigkeit dagegen stetig ab. Nirgends ein Windschutz, keine Möglichkeit zum zelten, keine Röhren unter der Strasse, nur Wind und Steppe und eine gerade Strasse quer durch.



Zum Glück sind wir einigermassen fit und ausgeruht, so mögen wenigstens unsere Beine, auch wenn es im Kopf fast mühsamer ist, gegen den Wind anzukämpfen. Gegen Abend wird es ganz mühsam, wir können kaum mehr fahren, fast rutscht das Velo seitwärts im Schotter. Kurz vor dem Ziel kommt uns ein umgebauter Toyota Landcruzer entgegen, schweizer Nummernschild. Weil Roman wegen dem Wind auf der falschen Strassenseite steht halten sie an, und wir ploudere eine Weile. Wobei man bei den Windverhältnissen nicht wirklich ploudere kann sondern sich eher anschreit. Sie füttern uns durchs Autofenster mit Kuchen und bieten an unsere Saccoschen zur Kreuzung zu bringen. Wir lehnen dankend ab, ohne Saccoschen würden wir wohl fortgeblasen. Zum Glück sind es nur noch wenige Kilometer, und gestärkt mit dem Kuchen schaffen wir auch die noch. An der Kreuzung steht ein Polizeiposten, der junge und sehr militärisch frisierte Polizist lässt uns hinter einem Windschutz in den Bäumen beim Posten zelten. Die geflochtene Wand bricht den Wind gerade bis zur Gibelhöhe unseres Zelts, wir hören den Wind heulen doch unser Zelt steht ohne Flattern im Wäldli. Sogar das WC vom Posten dürfen wir brauchen. Hier in Argentinien ist die Polizei wohl mindestens draussen in der Steppe noch ein Freund und Helfer. Martina erfährt beim Schwatz im Posten, dass heute ruhige Wind-Verhältnisse herrschen. Nicht viel Wind, weniger als normal. Normal seien so 80 km/h, und es kann schon mal 120 km/h geben! Erheiternde Vorstellung dass die aktuellen 60 km/h "ruhige Verhältnisse" sind.

windtechnisch ruhige Verhaeltnisse (Wolken!)

Da uns am nächsten Morgen eine Strecke gegen den Wind erwartet, wollen wir den Frühaufstehertrick anwenden. Den Wecker auf 4 Uhr, dann sind wir um 6 Uhr abfahrbereit. Als wir aufstehen ist es windstill. Wir jubilieren, geht unser Plan sogar auf? Zaghaft radeln wir los, gefasst darauf, dass jederzeit eine erste Böe das Ende des Friedens ankündigt. Gegen 10 Uhr erreichen wir bereits die Grenze zu Chile, und kurz darauf sind wir in Cerro Castillo. Einmal mehr wird uns an der Grenze das Essen kontrolliert, und da wir ja schon um 5 gegessen haben, ist jetzt um 10 eigentlich Zeit für das Zmittag. Wir kochen alles, was sie uns wegnehmen wollen und essen wieder einmal direkt vor dem Grenzgebäude. Gerade als wir fertig sind kippt der Frieden mit dem Wind, und kurz darauf wird aus dem strahlend schönen Wetter etwas Ungemütliches mit Regenschauer und Wind, die Temperatur fällt.

Hier müssen wir nun entscheiden wie und wann wir uns den Torres del Paine Park ansehen. Normalerweise besucht man den Park von Puerto Natales aus, welches 60 km weiter südlich liegt. Wir erkundigen uns ob wir nicht von hier direkt in den Park kommen, die Busse müssen ja hier durch um in den Park zu gelangen. Es sei möglich, da komme zwischen 3 und 4 Uhr ein regulärer Bus. Wir organisieren ein Zuhause für unsere Velos, und packen alles zum kochen und schlafen für ein paar Tage in unsere kleinen Rucksäcke. Natürlich kriegen wir da niemals alles rein, schon nur einer der Schlafsäcke füllt jeweils den ganzen Platz. Und wir haben ja auch noch die Küche, ein Zelt und Essen für 4 Tage! Schlussendlich füllen wir unsere blauen Ortlieb-Säcke und binden die mit Riemen an die Rucksäcke dran. Sieht schwer aus, ist es dann auch. Wir warten im Windschutz auf den Bus, und haben eigentlich keine Ahnung was jetzt auf uns zukommt. Wir haben uns vorab kaum informiert, und haben nur einen Wanderführer mit einer kurzen Beschreibung und die vielen Empfehlungen von anderen Reisenden, dass dies einer der Höhepunkte einer Südamerika-Reise sei. Dazu kommen begeisterte Beschreibungen von Reisenden des älteren Semesters, die vor 20 oder 30 Jahren mal dort waren. Einsame, wilde und unberührte Natur.

Nachdem in den wenigen Stunden, in denen wir auf den regulären Bus warten, einige Cars und sehr viel mehr Kleinbusse richtung Park vorbeikommen, dämmert uns, dass wir wohl nicht gerade einsam sein werden dort. Im Bus dann sieht es ein bisschen aus wie im Bus zuhause, die Leute scheinen nicht gerade für ein Outdoor-Abenteuer ausgerüstet zu sein, wir sehen Turnschuhe, Leggins, T-Shirt und nette Accesoirs wie grosse Kopfhörer und Dolce+Gabbana Sonnenbrillen. Dazu normale Rucksäcke mit aufgebundenen Isomatten und unglaublich viele Zelte, alle von der gleichen Marke, wohl gemietet. Draussen heult der Wind und der Bus schwankt arg hin und her wärend der Fahrt zum Park.

Am Haupteingang stehen überall Busse rum, kaum angehalten, informiert uns eine Parkwächterin in welchem Gebäude wir uns registrieren und bezahlen müssen. Wir füllen brav den Zettel aus wo wir Aufenthaltsdauer und geplante Wanderungen eintragen müssen, dazu müssen wir bestätigen, dass wir unter keinen Umständen Feuer machen, und im Falle dass doch, eine angemessene Gefängnisstrafe bis zu 12 Jahren absitzen werden. Danach gibt es einen Infofilm was man alles nicht darf (nur auf dem Weg gehen, kein Feuer machen, keine Kocher benutzen ausser an den bezeichneten Stellen, nirgends wild zelten usw) und dann die Strafen wenn man den Park abfackelt. Wir kriegen eine Stempelkarte die wir wie bei einem OL bei jedem Parkwächter vorweisen müssen, und er macht dann mit der Zange ein Loch beim entsprechenden Eintrag. Dazu gibt es Infos wann die Wanderwege schliessen und eine Karte vom Park. Es hat unglaublich viele Leute da, alle stolpern mit ihren Rucksäcken rum und es herrscht allgemeine Aufregung. Wir lassen uns von einem weiteren Bus bis ins Refugio Las Torres fahren, weil dort auf unserem Plan ein Campingsymbol ist. Das Refugio besteht aus mehreren Hotels und einem riesen Camping am Fuss der Torres del Paine, Scharen von Leuten stiefeln rum von hier nach da, und alle aus dem Bus wälzen sich rüber zum Camping. Wir schliessen uns an, irgendwie mit einem unguten Gefühl im Bauch (nein, keine Magenverstimmung, die kommt erst später) und bezahlen für eine Nacht im Zelt 12.- Franken pro Person für eine lauwarme Dusche und Anstehen damit man auf das WC kann. Die Zelte stehen dicht, unsere Nachbarn liegen keine 3 Meter von uns. Hier verabschieden wir uns endgültig von der Einsamkeit in der Natur.

Die Menschenmassen haben uns ein bisschen die Wanderlust verdorben (für gewisse Leute vielleicht auch bloss ein praktischer Vorwand um zu verschleiern, dass vielleicht gar nie eine allzu grosse Wanderlust vorhanden war...) und wir beschliessen, mal auszuschlafen und dann weiterzusehen. Am nächsten Morgen ist wider Erwarten das Wetter gut, und man kann die Granittürme sehen, die dem Park seinen Namen geben. Wir studieren den Wanderführer und beschliessen, mal zu den Türmen zu wandern. Dort oben hat es einen Zeltplatz vom Conaf, und der kostet anscheinend nichts. Das kommt uns gerade recht, weil alles andere hier so teuer ist, der kleine Kiosk will ein Vermögen für etwas Schoggi, und für ein halbes Brot bezahlen wir 6.- Franken. Also packen wir all unser schweres Zeug zusammen und wandern los.

Wir sind nicht gerade alleine unterwegs, der breit ausgebaute Weg eignet sich vorzüglich für eine Völkerwanderung. Wir überholen keuchende Wanderer ohne Gepäck und werden von Hightech-Wanderer mit windschnittigen Trekkinghosen und superatmungsaktiven GoreTex-Jacken und Karbon-Wanderstöcken überholt. Man sieht wirklich alles hier, von übereifrigen Wandervögel bis zu solchen, die wohl sonst kaum einen Schritt gehen. Wir wandern weiter, stehen zur Seite um Leute durchzulassen und wandern weiter. Die Landschaft ist ohne jeden Zweifel schön, man sieht hinaus in die Steppe und auf der anderen Seite stehen die Berge. Nach ein paar Stunden erreichen wir den gratis Zeltplatz und pflanzen unser Zelt auf den einzigen halbwegs ausreichend grossen Stellplatz mitten im Wald. Noch hat es nicht allzu viele Zelte, wir sind optimistisch das es so bleibt. Wir kochen Suppe und nehmen dann noch den Aufstieg zu den Türmen in Angriff. Oben dann spitzt sich die Lage zu, der Weg wird anspruchsvoller und einige scheinen ernsthafte Probleme zu haben, sei es mit der körperlichen Leistung oder zu wenig Erfahrung. Für einige ist es wohl das Abenteuer des Lebens, zb für den Asiaten, der sich beim zackigen Aufstieg mit einer Kamera an einem Stock beim raufrennen selbst filmt.

Dann ist es geschafft, wir erreichen den Talkessel mit einem See, dahinter stehen die 3 (oder 4, je nach Empfinden) Türme. Sehr beeindruckend, wirklich lohnenswert.

Torres del Paine

Wir setzen uns hin und betrachten die Türme bis uns kalt wird und die Wolken die Türme langsam einnebeln. Es beginnt zu regnen und wir machen uns auf den Rückweg zum Zelt.

Auch der gratis Zeltplatz ist mittlerweile voll, und die zwei WC's werden wohl nicht wirklich umsorgt. Entsprechend sieht es da auch aus. Wir kochen und verschwinden im Schlafsack weil es plötzlich kalt wird. Später merken wir, dass man auch hier eigentlich nur in einem dunklen Schuppen kochen darf, keinesfalls an einer anderen Stelle auf dem Camping und schon gar nicht im Zelt. Ups. 12 Jahre Gefängnis. Langsam haben wir die Nase voll, schöne Landschaft hin oder her.

Wir schlafen aus bis jemand über unsere Abspann-Seile stolpert, kochen brav unser Kaffeewasser im saudreckigen Kochschuppen und machen uns dann wieder auf den Rückweg zum Ausgangspunkt. Auf den Weg zurück (eigentlich schon am Abend vorher) entscheiden wir, dass wir auf weitere Wanderungen verzichten, uns macht das so keinen Spass. Teuer und überfüllt, alles reglementiert und dann trotz hohen Preisen nicht mal saubere WC. Wir nehmen den Bus zurück nach Cerro Castillo und verlassen den Park nach nur eineinhalb Tagen wieder mit gemischten Gefühlen. Wären wir nur 20 Jahre früher gekommen!

Freudig nehmen wir unsere Velos wieder in Empfang, und stellen unser Zelt im Garten bei einem Haus auf. Ganz alleine, wir haben unsere Ruhe. Leider dauert die Ruhe für Roman nicht allzu lange, nach dem Znacht wird es bald zur Gewissheit, dass das Znacht wohl wieder retour kommt. Wieder mal haben wir keine Ahnung wieso es Roman zümpftig durchputzt, Essen oder die WC's im Park, ist dann auch egal, nach ein paar qualvollen Stunden ist die Sache überstanden. Da wir nicht hier bleiben wollen sondern für das Erholen ein Hostel schon schön wäre, müssen wir noch weiter nach Puerto Natales.

patagonischer Sommer

Roman scheint stabil, er kann gehen, dann kann er wohl auch velofahren. Es geht tatsächlich ganz gut, nicht ganz so schnell wie sonst, aber im Windschatten von Martina wird der leere Roman bis Puerto Natales transportiert, wo es zur Belohnung ein Bouillonsüppli gibt. Puerto Natales ist ein kleines Städtchen und touristisch ganz auf den Park ausgerichtet. Alle Reisenden in den Park starten hier, entsprechend besteht der Ort aus Hotels, Reiseveranstaltern, Outdoorshops und Busunternehmen. Trotzdem scheint der Ort nicht unsympathisch, und wir finden ein bezahlbares Hostel mit Doppelzimmer und Privatbad und Heizung, Küche und Internet. Hier bleiben wir bis die Nahrungsaufnahme von Roman wieder problemlos läuft, im Moment gibts Härdöpfelstock mit Fisch, soweit alles unter Kontrolle.

Leider leider wird die Liste mit unseren Verlusten immer länger. Bis jetzt war es halb so schlimm, wir mussten erst den Verlust von einem Schnitzer, einer Gabel und unserem Schneidbrett beklagen. Nun wurde uns aber vor dem Hostel unser oranges Spot-Gerät gestohlen. Zum Glück nichts überlebenswichtiges wie zb die Velos, aber trotzdem ärgerlich. Nun können wir leider nicht mehr auf Knopfdruck unsere Position auf der Karte im Blog einzeichnen. Es gibt aber immer noch die Möglichkeit, dass wir die Position halt von Hand aktualisieren können, aber nur wenn wir Internetzugang haben. Daher schränkt sich die Häufigkeit auf die grösseren Orte ein, der nächste Punkt dürften wir wohl in Punta Arenas setzen können. Ich weiss, einige (wenige) hingen wirklich daran jeden Schritt von uns verfolgen zu können, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Nachdem in Peru und Bolivien nie etwas geschehen ist, haben wir der Menschheit wohl zu fest vertraut. Hier unter all den "reichen" Reisenden ist die Gefahr bestohlen zu werden scheinbar grösser als in den armen Ländern, wo die Leute nur einen Bruchteil von unserem Reichtum haben.

So, gesund werden, und dann gehts weiter, 2 bis 3 Tage bis Punta Arenas, von dort wohl in etwas mehr als einer Woche nach Ushuaia. Dazwischen gibts viel Wind und eine Königspinguin-Kolonie, wenn möglich machen wir dort noch einen Zwischenstopp. Und dann ist das Ende der Welt schon bald erreicht!

Samstag, 11. Januar 2014

Gletscher

Die letzten paar Tage standen ganz im Zeichen des Pauschaltourismus. Dazu gibt es einiges zum rumrüsseln, doch das wollen wir uns erst mal verkneifen und uns auf die grossartige Natur hier konzentrieren. Auch sollt ihr vorgewarnt sein, es könnten sich im Laufe des Erinnerungsprozesses an die letzte Velostrecke einige Schimpfwörter in die Zeilen schleichen. Aber zurück nach El Chalten, wo wir in unserem gemütlichen Hostel nach 6 Tagen Pause unsere kritische Sicht auf Wind und Wetter ein bisschen verloren haben. Wir planen unsere Weiterreise nach El Calafate, es ist nicht allzu weit, wir rechnen mit 2 bis 3 Tagen. Hier lohnt es sich vielleicht, um weiteren Verständnisschwierigkeiten vorzubeugen, einen Blick auf Wind und Strassenverlauf in Südpatagonien zu werfen. Es scheint, dass das Wetter hier vom Pazifik geprägt ist, der Pazifik liegt im Westen von Südamerika. Von dort kommt alles: Schnee, Regen und vorallem Wind. Der Niederschlag bleibt, wie auch schon mal ausgeführt, an den Anden hängen, der Wind geht oben drüber und zieht nach Osten in die argentinische Pampa. Es gibt einige Variationen des Windes, so ergeben sich neben dem Westwind auch Südwest- und Nordwestwind. Der Wind ist allgegenwärtig und immer präsent, manchmal schwächer und hauptsächlich stärker. Unsere Strasse verläuft grundsätzlich von Nord nach Süd, doch das ist nur die Ideallinie. Die Strasse folgt den geografischen Gegebenheiten und führt daher eigentlich eher im Zickzack nach Süden. Der langen Erklärung kurzer Sinn: auf unserem Weg in den Süden haben wir neben Rückenwind und Gegenwind vorallem Seitenwind. Die Etappe von El Chalten nach El Calafate führt durch das gesamte Spektrum, zuerst Rückenwind, dann Seite, und dann zum Dessert Gegenwind. In unserem Hostel warten zwei Amerikaner auf ein Wetterfenster für die Besteigung des FitzRoy, und lassen uns an ihren täglichen Wetteranalysen teilhaben.

Cerro Torre
Am Tag unserer Weiterreise meint er nur, in den nächsten 2 bis 3 Tagen wird der Wind noch ungleich stärker, so um 50 bis 60 km/h mit Böenspitzen bis 90 km/h. Im Schutze der Wände des Hostels erscheint uns das nicht so tragisch, wir erklären ihm unsere Taktik falls wir das Zelt nicht aufstellen können: wir schlafen einfach in den Wassertunneln unter der Strasse. Die sind geräumig und gemütlich, auf jeden Fall einigermassen windstill. Sein Kommentar: cool.

Als wir losfahren, ist das Tal hinter uns wolkenverhangen und es nieselt. Dazu ein kräftiger Wind. Wir lassen uns westwärts blasen, kommen mit 35 km/h gut voran. Die Berge bleiben hinter uns zurück, und leider bleibt uns die klassische Sicht mit gelber Steppe und Cerro Torre und FitzRoy am Horizont verwehrt.

Cerro Torre und FitzRoy (bei einer Wanderung)
Je weiter wir in die Steppe raus kommen, desto weniger Wolken hat es, und der Wind wird immer stärker. Nach 90 km erreichen wir wieder die Ruta 40, und dort reduziert sich unsere Geschwindigkeit auf 5 km/h. Wir fahren gerade gegen den Wind, mit Handschuhen und Kappe, Buff übers Gesicht. Nach ewigen 5 km schwenkt die Strasse gegen Süden ab, und wir können mit Seitenwind auf 10 km/h beschleunigen. Der Wind nimmt weiter zu, es ist gegen Nachmittag. Martina fährt ab und zu quer über die Strasse, wir beide torkeln über die gesamte Fahrbahn, bei jeder Böe. Eine wahre Freude für die Auto- und Busfahrer, welche sich genervt mit ihren Hupen ankünden. Es geht dann nicht mehr, wir steigen ab und schieben das Velo auf der Gegenfahrbahn. Dazu müssen wir kräftig in den Wind liegen und sind jetzt noch mit 3 km/h unterwegs. Das wäre jetzt auch der Moment der Schimpfworte, doch versuchen wir nach dem letzten Blogeintrag ein bisschen mehr Objektivität walten zu lassen. Der Wind erscheint uns irgendwie absurd, ununterbrochen seit Tagen, dauernd konstant, man versteht kein Wort, alles fliegt sofort davon wenn man es loslässt. Zum Glück wissen wir von einer Estancia mit Hotel in Reichweite, so schieben wir unsere Velos bis dort, und flüchten nach 110 km in das Restaurant. Unsere Ohren klingeln, das Gesicht brennt, unsere Motivation nach 6 Ruhetagen ist bereits wieder zerstört. Wir wissen, der Wind wird nur noch stärker, und wir haben vor Calafate 30 km Gegenwind-Strecke. Im Restaurant erfahren wir, dass in einer Viertelstunde ein Bus hier hält und nach Calafate weiterfährt. Kurzentschlossen laden wir das Gepäck ab und warten auf den Bus, so bringt das nichts mit Velofahren. Der Bus hat offiziell keinen Platz, mit Velos demontieren bringt Roman die Dinger dann trotzdem in das winzige Gepäckabteil. Sitzen tun wir im Gang, 2 Stunden bis Calafate, der Bus schaukelt teilweise bedrohlich in den Böen.

Gegen 9 Uhr abends sind wir in Calafate, die Hälfte der Strecke sind wir geradelt. Wir sind wieder mal fix und fertig. Calafate ist unglaublich touristisch, 100erte Hotels, Jugendherbergen und ein paar Campings. Dazu ein Outdoorgeschäft am anderen, neben Souvenirshops, Restaurants und unglaublich vielen Reiseveranstaltern. Es soll der teuerste Ort in Argentinien sein, uns kommt es vor wie Interlaken. Alle Hostels sind voll, wir fragen uns weiter und finden dann doch noch ein Mehrbettzimmer, so spät wie wir dran sind, bleiben wir aber alleine. Beim einschlafen hören wir den Wind am Dach rütteln, es pfeift und stürmt, und es beginnt zu regnen.

Jetzt widmen wir uns aber den Sehenswürdigkeiten um El Calafate. Dieser Ort existiert praktisch nur wegen den riesigen Gletschern im Nationalpark "Los Glaciares", der übrigens bis El Chalten reicht. Es ist der Ausgangspunkt für den Tagesausflug zum Perito Moreno Gletscher, welcher wohl die bekannteste Sehenswürdigkeit neben dem Torres del Paine Park hier in Südpatagonien ist. Alle die tausend Touris in Calafate gehen dort hin, der Rummel hat Jungfraujoch-Ausmasse. Wir studieren die Alternativen und finden den noch grösseren Upsala Gletscher. Wir ziehen durch das Städtchen und vergleichen die Angebote der Veranstalter. Das Angebot "todo Glaciares" klingt gut, und wir buchen ein Gesamtpaket für zwei Tage. Erster Tag: Ausflug mit dem Bus zum Perito Moreno Gletscher. Zweiter Tag: Mit dem Schiff zum Upsala, Spegazzini und dem Perito Moreno Gletscher, etwa 7 h unterwegs. Befremdet schauen wir die Frau von der Agentur an als sie uns fragt, wo uns am Morgen der Car abholen soll. Wir: kein Problem, wir können zum Busbahnhof kommen. Sie: nein, das geht nicht, alle werden abgeholt. Das wird ja lustig.

Und es wird lustig. Die sammeln ernsthaft jeden Tourist einzeln bei seinem Hotel ein. Das dauert dann auch eine gute Stunde, in einem Ort, den man in 15 Minuten zu Fuss durchqueren kann. Auch merken wir schnell, das wir hier in einer anderen Klasse Reisekasse unterwegs sind, der Car hält sonst nur vor grossen 4 oder 5 Stern Hotels mit grosser Vorfahrt. Der Halt am Camping (auf welchen wir nach dem Sturm gewechselt haben) war die Ausnahme. Auch sind wir um einiges jünger als die anderen. Und um einiges schäbiger in unseren dreckigen Velokleidern. Mit Wanderschuhen und Rucksack. Auf der Fahrt werden wir auf spanisch und englisch von der Reisebegleiterin unterhalten und wir lernen viele interessante Dinge über Patagonien, zb dass es häufig stark windet.

Am Gletscher dann treffen sich alle Touristen wieder, egal bei welcher Gesellschaft sie gebucht haben, es stehen überall Busse rum, und eine riesen Masse von Touris wälzt sich durch den Eingang und die Toiletten, dann raus zu den Metallstegen, die in unterschiedlich anstrengenden Rundwanderungen organisiert sind. Wir ziehen als erstes alle Kleider an die wir mitgenommen haben, dann staben wir los zum ersten Aussichtsbalkon.

Perito Moreno Suedwand von Weitem

Der Gletscher Perito Moreno ist beeindruckend. Die Gletscherzunge stösst quer in einen See und halbiert diesen, im Moment ist ein kleiner Durchgang am Seeufer offen, ein Fluss, der die beiden Seehälften links und rechts des Gletschers verbindet. Der Gletscher wächst konstant und schmilzt ein wenig langsamer ab, so schliesst sich dieser Durchgang alle paar Jahre mal wieder. Dadurch staut sich die eine Seehälfte und bricht dann unter einem riesen Spektakel schlussendlich den Gletscher weg. Darauf mussten wir allerdings verzichten, es dürfte Jahre dauern bis dies wieder geschieht.


Perito Moreno Nordwand

 Aber dafür brechen ständig riesige Eistürme ab und fallen in den See, was Horden von Fotografen zum Wahnsinn treibt weil man nie weiss, wo und wann das nächste Mal was abbricht. Da die Gletscherfront so riesig ist, kann man unmöglich alles im Blick behalten. Und wenn man das Donnern und Krachen hört, ist es schon zu spät, weil der Ton so lange hat bis er da ankommt. Wir haben Glück und sehen einige der Türme stürzen, doch fürs fötele reicht es nicht. Wir setzen uns dann an einer weit entfernten Aussichtsplatform hin, wo nur wenige Touris hingehen können weil es Treppen hat, und essen unser Picnic und schauen die riesige Eismasse an. Man könnte locker den ganzen Tag da sitzen und schauen, es ist wirklich wunderschön.

Perito Moreno Suedwand

Allerdings ist zu bezweifeln, ob man die Ausmasse auf dem Display der Fotoapparate auch sehen kann, doch eine andere Sicht ist für die meisten Touris hier nicht möglich. Die gehen mit der Kamera vor dem Gesicht, und sehen sich den Gletscher gar nicht in echt an. Noch wichtiger als der Gletscher ist, vor dem Gletscher zu posieren, damit man auf Facebook mehr Eindruck schinden kann. Wir sind dauernd hin und her gerissen, zwischen totaler Begeisterung und Ehrfurcht vor der Natur und dem Verhalten von Menschen auf Reise. Nicht das wir uns besserstellen möchten als die anderen Touristen, schliesslich wollen ja alle das selbe sehen, auch wir, doch geht es irgendwie meistens darum, die Fotos als Trophäen nach Hause zu bringen, um zu beweisen wie viel Spass man hatte. Die Leute schauen sich den Gletscher kaum an, sie sind immer am knipsen, hauptsächlich einander. Foto, weitergehen, Foto. Ein Riesenzirkus. Ein paar Stunden später müssen wir zurück, der Bus fährt alle wieder in ihr Hotel. Wir halten das am Schluss kaum noch aus und lassen uns im Zentrum absetzen.

Der nächste Tag wird wieder unglaublich beeindruckend, die Rundfahrt führt zu riesigen Gletschern und Eisbergen, allerdings wird das Touriverhalten nochmals schlimmer. Wieder werden wir abgeholt, und dann zum Hafen gefahren. Dort werden die Menschenmassen auf etwa 6 verschiedene Hochgeschwindigkeits-Katamarane aufgeteilt. Supermoderne Schiffe, vollverspiegelte Scheiben, Flugzeugbestulung mit 10 Sitzreihen nebeneinander, Bar und exklusivem Captains-Club. Man wird angewiesen sich hinzusetzen, raus darf man erst später. Dann gehts los, mit 40 km/h gegen den Wind, der wohl mit weiteren 60 von den Gletschern runter bläst. Roman tut sich schwer auf dem Sitz zu bleiben, kaum ist das Deck offen ist er draussen. Das Deck besteht aus einem schmalen Gang rund um das Schiff und zwei Aussichtsterassen an der Rückseite. Draussen hält man es nur komplett vermummt aus, wir tragen alles was wir haben, dazu Kappe, Buff übers Gesicht, Kaputze darüber. Schon bald schwimmen die ersten Eisblöcke im Wasser, riesig gross und in unglaublichen Blautönen. Jedes Mal wenn drinnen über Lautsprecher verkündet wurde, es gebe was zu sehen, strömt die ganze Schafherde nach draussen und quetscht sich auf eine Seite ans Geländer. Man fuchtelt mit Handys rum, keine Ahnung wieso keins ins Wasser fällt. Jeder will posieren, also ein dauerndes Gerangel am Geländer, hin und her, wir stehen daneben und versuchen es zu ignorieren, blicken in die unglaublich beeindruckende Gebirgswelt.

Upsala Gletscher

Der Upsala Gletscher ist riesig, wir fahren nicht sehr nahe ran weil es gefährlich ist mit den abbrechenden Eistürmen. Die Fakten zum Upsalagletscher sind mir gerade nicht präsent, ist auch nicht so wichtig. Die Front geht über den ganzen See, einige Kilometer, noch beeindruckender ist die Gletscherzunge, die sich zum Inland-Eisfeld hochzieht. Die meisten Touris aber schauen lieber zu, wie der Matrose versucht Eis aus dem Wasser zu fischen. Der Eisblock geht dann von Hand zu Hand, jeder will sich damit fotografieren lassen. Wir flüchten. Kurz darauf stehen die harten Männer auf dem windgeschützten Hinterdeck und trinken Wiskey mit Gletscher-Eis. Während der Fahrt durch das wunderschöne Eisfeld wird Ave Maria über die Lautsprecher abgespielt, auch draussen auf dem Deck. Doch sobald wir wieder richtig Fahrt aufnehmen, zum nächsten Gletscher, flüchten alle nach drinnen. Endlich haben wir auf dem Spitz vorne unsere Ruhe. Auch kann Roman jetzt auf der Rückfahrt all die Fotos machen, die die anderen auf Befehl bei der Hinfahrt gemacht haben und sich gegenseitig im Weg standen.

Spegazzini Gletscher von Weitem

Der nächste Gletscher ist der Spagazzini Gletscher, mit einem über 100 Meter hohen Abbruch bevor er in den See fliesst. Nicht so gross, aber zerrissen, stürzt er von allen Seiten in den See. Auch hier wiederholt sich das gleiche Spiel, auf Hinweis kommen alle raus, 10 Minuten später ist wieder Ruhe. Staunend fahren wir durch die Gletschertäler, auf den hohen Bergspitzen ändern sich die Wolken andauernd. Der Wind ist in der Zwischenzeit so stark, das man kaum über das Deck gehen kann. Roman bleibt draussen im Spitz, man muss die Kaputze festhalten obwohl sie komplet zugeschnürt ist.

Spegazzini Gletscher

Letzter Halt ist beim Perito Moreno Gletscher. Da waren wir ja gestern schon, aber vom Wasser aus hat man nochmals ein komplett anderes Bild. Wir fahren nahe ran, die Eiswand ragt vor uns auf, oben hat es scharfe Zacken. Wir kreuzen zweimal der Wand entlang, alle haben in der Hoffnung auf einen Abbruch die Kameras in der Luft. Nichts passiert. Die Leute scheinen enttäuscht, dabei haben sie gerade eine unglaublich beeindruckende Eiswand von nahe anschauen können. Dann gehts zurück, alle müssen wieder rein. Eine Stunde später sind wir zurück in Calafate, müde, unterkühlt vom Wind, doch voll mit Bildern von einer unglaublich schönen Gletscherlandschaft. Die Fotos kommen da nicht dran heran, es ist alles viel grösser, es fehlt das Gesamtgefühl mit Wind und Kälte.

In wieweit es sinnvoll ist, jeden Tag mit mehreren Schiffen eine 200 km lange Strecke zu den Gletschern zu fahren, sei dahingestellt. Schlussendlich trägt gerade jedes dieser Schiffe mit seinen Abgasen zum Klimawandel und damit zum Abschmelzen ebendieser riesigen Gletscher bei. Sollte man darauf verzichten? Sollte man die Touristen auf dieses Dilemma hinweisen? Oder dient der Wiskey mit Gletscher-Eis dazu, solche Gedanken zu verdrängen?

Nun sind wir nach einem weiteren Tag ohne Programm bald bereit für die nächste Etappe. Es steht noch ein Hausputz an, um unser Zelt von Staub und Dreck der letzten 5 Monate zu befreien. Und hauptsächlich um die kleberige Schicht von Baum-Laus-Gagi zu entfernen, die in den letzten Tagen hier auf dem Camping aus den Bäumen getropft ist! Morgen geht es wieder los, zurück zur Ruta 40 und dann südwärts, wo wir wieder nach Chile einreisen. Kurz nach der Grenze sollten wir nach Cerro Castillo kommen, und dort werden wir uns um die Organisation unserer Reise durch den Nationalpark Torres del Paine kümmern. Bis dort sind es ungefähr 200 km durch den Wind. Wir halten es uns offen, jederzeit auf den Bus umzusteigen falls der Wind zu mühsam wird.

Nun könnt ihr euch noch weniger auf das SPOT-Gerät verlassen, wir haben jetzt die Zone mit reduzierter Abdeckung erreicht. Hier und weiter südlich garantiert der Betreiber keine Übertragung mehr. Ihr seht, wir kommen dem Ende der Welt immer näher...

Mittwoch, 1. Januar 2014

Der Umweg

Wir werden versuchen, unsere Emotionen in diesem Blogeintrag zu kontrollieren. In den letzten paar Tagen haben wir einige Male an uns und unserer Entscheidungsfindung gezweifelt. Wir haben Wetter, andere Velofahrer und unsere Ungeduld ins Pfefferland gewünscht und uns gefragt was wir hier überhaupt machen und mit welchem Ziel.

Alles begann mit dem Ende der Carretera Austral. Als wir kurz vor Weihnachten dort eintrafen, haben wir ein markantes Ziel und das Ende einer grossen Etappe erreicht. Die Unsicherheit wegen der Fährpassage hat uns schon Monate begleitet und wir hatten soweit ein gesundes Vertrauen, dass die Weiterreise nach Argentinien schon möglich sein wird, früher oder halt eben auch später. Wir haben ja genügend Zeit. Kurz vor Villa O'Higgins dann die Nachricht, die Fähre fahre wieder, gerade am nächsten Tag. Schon macht sich bei uns ein leichtes Unwohlsein breit, wir wollten Pause, in Ruhe Weihnachten feiern, mit Zuhause skypen. Dann treffen wir in Villa O'Higgins auf einen Haufen unruhiger und genervter Velofahrer. Einige warten schon seit Tagen hier. Alle empfehlen uns, die einzige Gelegenheit wahrzunehmen, sie flehen uns geradezu an, mit ihnen am nächsten Morgen weiterzureisen. Fast hätten wir es getan. Wir bleiben aber zurück, und wie es halt kommt, schlägt das Wetter um und die Überfahrt ist 2 Tage später nicht möglich. Wir feiern entspannt Weihnachten, geniessen die ruhige Zeit auf dem gemütlichen Camping im Wald und sind froh, dass die Überfahrt verschoben wurde. Nochmals 2 Tage später dann unsere Gelegenheit, wir fahren mit Sack und Pack um 7 Uhr zum Hafen, wir sind etwa 8 Radler. Alles wird verstaut, befestigt und wir stechen in See. Dann die Meldung vom Kapitän, dass wir umkehren, wegen zu viel Wind. Ein bisschen später die Nachricht, dass wir sicher nochmals 3 bis 4 Tage warten müssen, bis der nächste Versuch gestartet wird. Wir radeln wieder zurück ins Dorf, es herrscht eine komische Stimmung, Unsicherheit, man ist genervt.

Fast hätten wir uns dazu entschieden zurück auf den Camping zu gehen, uns im Wohnzimmer um den Ofen zu setzten und mit Faqundo, dem argentinischen Radler aus El Chalten, Mate zu trinken bis das schlechte Wetter vorbei ist und die Fähre wieder fährt. Die anderen Radler sind sich nicht einig, wollen weiter weil für ein paar die Zeit knapp wird. Die Alternative ist bekannt, jedoch fehlen uns ein paar Infos zur Strecke. Dann findet sich ein Bustransport zur Grenze, was uns allen einen Tag radeln erspart. Das ist DIE Gelegenheit sind wir uns einig. Und dann geht plötzlich alles sehr schnell, denn man will ja nicht noch mehr Zeit verlieren! Ohne den Umweg über den Paso Mayer genauer angeschaut zu haben, lassen wir uns zum chilenischen Grenzposten fahren, 50 km in ein Seitental. Gegen Abend sind wir alle dort, und das Wetter zeigt sich von seiner patagonischen Seite: Sturmwind und Regenschauer. Nur dank der Überredungskünste unseres Fahrers dürfen wir in einer Schutzhütte hinter dem Polizeiposten übernachten. In der Nacht demontiert der Wind fast die Schutzhütte, wir schlafen schlecht und haben Angst, dass wegen dem Regen die Flüsse über die Ufer treten.

Nun ein kleiner Diskurs zu diesem Übergang: der Paso Mayer ist ein West-Ost Übergang 50 km nördlich von Villa O'Higgins. Bis zum chilenischen Grenzposten existiert eine Schotterstrasse (welche wir per Auto abkürzten). Auch ist der Übergang eigentlich kein Pass, sondern ein grosser Fluss, der breit durch ein Tal mäandriert. Bis zum argentinischen Grenzposten sind es rund 17 km, allerdings existiert dort keine Strasse. Es gibt ein paar Pfade und eine schmale Hängebrücke um den grössten Zufluss zu überqueren. Alle anderen Flüsse durchquert man zu Fuss. Beim argentinischen Grenzposten beginnt erneut eine Schotterstrasse, welche 100 km gegen Osten führt, um dort in die grosse Nord-Süd-Strasse Ruta 40 einzubiegen. Von dort sind es weitere 300 km durch die argentinische Steppe bis El Chalten, mit konstantem Westwind und einer Landschaft ohne irgend einen Baum. El Chalten liegt 80 km südlich von Villa O'Higgins. Unser Umweg umfasst also fast 400 km, wobei ein grosser Teil durch die Steppe und dann gegen den Wind zurück nach Westen führt. Dazu kommt ein Stück ohne Strasse mit Flussquerungen. Dies alles bei den denkbar schlechtesten Wetterbedingungen.

Wir liegen also zu acht in diesem Schuppen, der Sturm rüttelt am Wellblech, wir hören die Regenschauer gegen die Westseite prasseln, und uns wird erst hier so richtig klar, auf was wir uns da eingelassen haben. Wenn wir viel Glück haben, und uns ein Bus oder Auto auf der Ruta 40 mitnimmt bis El Chalten, haben wir bestenfalls 2 Tage "gespart". Wir hätten einfach 4 Tage auf dem Camping in O'Higgins warten können, ausschlafen, Mate trinken, lesen, mit euch zuhause mailen oder skypen. Doch jetzt sind wir hier, an der Grenze, und uns erwartet die Passage nach Argentinien.

Entsprechend gut ist die Stimmung am nächsten Morgen bei uns. Martina hat Angst vor der Passage weil der Regen die Flüsse hat anschwellen lassen, und weil der Wind die Hängebrückeüberquerung unmöglich machen könnte. Roman ist eher besorgt über die anschliessenden 300 km durch die Pampa, bei Wind und ohne Planung wegen Wasser und Essen. Und vorallem vermisst er das warme Wohnzimmer des Campings und wir ärgern uns gemeinsam, dass wir es so weit haben kommen lassen und nicht einfach auf unser Gefühl gehört haben und in O'Higgins ein paar Tage gewartet haben.

Wir beissen die Zähne zusammen, denn jetzt bringt uns das Hadern auch nichts mehr. Wir müssen jetzt da durch. Zum Glück sind wir mit guten Leuten unterwegs, wir sind bei unserem Aufbruch 9 Velofahrer und 2 Wandernde. Wir machen uns gegenseitig Mut und so lichten sich wenigstens die grauen Wolken in unseren Gedanken.

Regenhose, Regenjacke, Tewa, wasserdichte Socken, GoreTex, Ortlieb und Plastik schützen uns und unser Gepäck vor dem Wasser, in Form von Regen und Flüssen. Wir waten durch breite Flussdeltas, das Wasser geht bis zu den Knien. Manchmal müssen wir zweimal durch, weil sonst Wasser in die Frontsaccoschen laufen würde.

man beachte die Baeume

Wir folgen ein Stück weit Fahrspuren, dann geht es über einen Zaun und wir haben die Grenze überquert. Manchmal können wir auf den schmalen Fusspfaden fahren, die Saccoschen schleifen durch das Gebüsch. Wir rutschen durch Schlamm, platschen durch braune Moore, die Schuhe und Socken füllen sich mit Wasser. Wir hiefen die Velos steile Böschungen rauf und rattern sie auf der anderen Seite wieder runter. Alle helfen, niemand bleibt zurück, gemeinsam ziehen wir Gepäck und Velos Schlammwege rauf oder schieben die Velos gemeinsam durch die Bäche. Es geht langsam voran, doch irgendwann hört der Regen auf, und wir erreichen die Hängebrücke. 4 Stahlseile und Bretter sind 20 Meter über den Fluss gespannt, kaum breit genug zum gehen. Die hohen Geländer (zum Glück!) zwingen uns dazu, alles einzeln rüber zu transportieren. Das Velo auf dem Hinterrad, die Taschen auf dem Rücken. Wir ziehen unser Regenzeug aus, weil die Drähte auf der Seite alles aufreissen. Es dauert ne ganze Weile bis wir drüben sind, es darf nur eine Person aufs Mal auf die Brücke.

Golden Gate Bridge

Weiter gehts, durch die Schwemmebene des Flusses, trockene Bachbette, und schlussendlich durch das Moor neben dem Fluss. Die Räder versinken tief im Gras, es platscht und saftet, doch ist ein grosser Teil der Strecke hier fahrbar. Mit Freudenschreien holpern wir auf eine Fahrspur, spülen unsere Velos im Fluss ab, chnüblen Dreck aus der Kette und den Bremsen, Äste aus den Speichen und ziehen trockene Socken an. Schon bald erreichen wir den argentinischen Grenzposten, nach etwa 8 Stunden harter Arbeit im Niemandsland. Vor uns beginnt die argentinische Steppenlandschaft, die Berge werden zu Hügeln und die Bäume zu Büschen, dann zu Gras, und dann zu gelben Halmenbüscheln. Die Regenwolken werden kleiner und ziehen schnell Richtung Osten. Hinter uns hängen graue Wolkenbänke in den Bergen, Vorhänge aus Regen verdecken die Sicht zurück.

Blick zurueck

Der stramme Wind schiebt uns kräftig vorwärts, und wir lassen uns in die Pampa raus treiben. Nahe einer Estancia zelten wir hinter ein paar Bäumchen, die Gruppe hat sich aufgelöst und wir sind nur noch zu viert.

Richtung Ost

Am nächsten Morgen sind wir dann wieder alleine, weil wir am längsten Zmorge essen und weil wir am meisten Gepäck mitschleppen. Wir fühlen uns nach Bolivien zurückversetzt, es beginnt eine karge und windige Ebene. Dank dem Rückenwind erreichen wir gegen Abend die Ruta 40, asphaltiert und über lange Strecken schnurgerade. Schon bald sehen wir ein, dass hier Autostopp eher schwierig wird, es hat kaum Verkehr. Zu unserer Überschung treffen wir bald auf ein Hotel, wir inspizieren die Zimmer und die Gasheizung und das private Bad überzeugen uns schnell davon, den recht hohen Preis doch zu akzeptieren. Da hatte wohl auch das Weihnachtsgeschenk der Eltern (ab und zu mal ein bisschen Luxus!) einen kleinen Einfluss.

Hotelzimmer (man beachte die Heizung!!)

Am nächsten Tag lassen wir uns vom Rückenwind mit bis zu 40 km/h weiter treiben. Jedes Mal wenn wir im Rückspiegel ein Auto sehen halten wir an und den Daumen raus, doch niemand nimmt uns mit. Irgendwann dreht die Strasse nach Süd, und sogar gegen Südwest, nun kommen wir mit noch knapp 6 km/h vorwärts. Innert kürzester Zeit ist unsere Motivation zermürbt, und wir rechnen damit, nie mehr bis zum nächsten Ort zu gelangen.

Ruta 40

Dann in unserem Rückspiegel die Erlösung aus allen Qualen: ein Bus! Und er hält sogar an! Schnell sind unsere Velos und die Saccoschen im Laderaum verstaut. Wir könnten schreien als der Chauffeur meint, er fahre heute noch bis El Chalten. Wir haben es geschafft!

Im nächsten Ort steigen weitere 4 Radler unserer Gruppe zu, und auch die 2 Wanderer. So erreichen wir gegen Abend nach 3.5 Tagen Umweg El Chalten per Bus. Wir blicken das Tal hoch Richtung Villa O'Higgins, und haben gemischte Gefühle.

El Chalten ist sehr touristisch, ähnlich wie San Pedro de Atacama. Es gibt eigentlich nur Hotels und Restaurants, daneben Tourunternehmen und Outdoor-Läden. Wir suchen noch lange nach einem zahlbaren Hotel, finden keins und enden auf dem Camping. Es hat unglaublich viele Touristen, alle mit Trekking-Ausrüstung. Wir möchten aber endlich wieder mal ein bisschen Luxus, ein warmes Bett, unsere Ruhe, einen Tisch zum Essen und eine Küche, warme Dusche und Internet. So machen wir uns am 31.12. auf die Suche nach dem Unmöglichen: einen bezahlbaren Doppelzimmer. Alles ist ausgebucht, oder zu teuer. Aber so richtig zu teuer, bei 100.- pro Nacht können wir trotz allem nicht ein paar Tage entspannen! Doch da finden wir am Dorfrand doch noch ein Zuhause, und kurz darauf beziehen wir ein kleines Zimmer mit Aussicht auf die Dieselgeneratoren. Die Gastgeber sind nett, und wir können uns endlich entspannen.

der Dieselgenerator

Die Silvesterstory habt ihr ja schon erfahren, jetzt kommen ein paar Tage Ruhe auf uns zu. Hinter dem Dorf ragen der Fitz Roy und der Cerro Torre auf, wir werden wohl noch eine Wanderung machen damit wir ein paar schöne Fotos machen können. Und wir planen die letzten 1300 km bis Ushuaia, mit Zwischenhalt beim Gletscher Perito Moreno und dem Nationalpark Torres del Paine. Dank unserem Umweg wissen wir schon, was uns auf dieser Strecke für eine Landschaft erwartet. Es wird versorgungstechnisch nochmals ein bisschen schwierig. Auch wird hier endgültig die Sturmtauglichkeit unseres Zelts getestet.

PS: heute Morgen hat es geschneit. Soviel zum Thema "patagonischer SOMMER"...

äs guets Nöis!

Vier Stunden nachdem ihr in der Schweiz rüber gerutscht seid, sind jetzt auch wir noch rüber gerutscht. Wobei man in Patagonien wohl nicht unbedingt rutscht, man wird vielmehr vom ewigen Wind rüber geblasen. Wir beginnen das neue Jahr in El Chalten, Argentinien. Zur Feier des Tages waren wir in einem argentinischen Restaurant und haben ein Beefsteak und Entrecote bestellt. So weit so gut, damit ist Nahrungsaufnahme für die nächsten paar Tage schon erledigt. Wir haben ein geschätztes halbes Kilo Fleisch pro Kopf vorgesetzt gekriegt. Anschliessend zurück in unserem Hostal wurden wir um halb zwölf von einer argentinischen Familie (auch Gäste hierund) den Besitzern zum Znacht eingeladen. Wir haben uns tapfer gewehrt, doch die argentinische Gastfreundschaft nötigte uns gebratenes Schaf auf. Jetzt hängt uns im wahrsten Sinn das Essen zum Hals raus, weil es kein Platz mehr im Bauch hat. Der alkoholfreie Schämpis drufabe sorgt nun für eine effektive Verdauung unseres Silvestermenüs. Alles in allem ein gemütlicher Abend. Nun gehen wir ins Bett und lassen uns von den drei grossen Dieselgeneratoren nebenan (welche den gesamten Strom für das Dorf produzieren) in den Schlaf dröhnen.

Mehr von den aufregenden Abenteuern von Martina und Roman folgen bald hier in diesem Blog, dabei werden wir ausführlich die Vor- und Nachteile eines Umwegs diskutieren. Bis dahin wünschen wir gesundes ausnüchtern und vorallem es guets Nöis!

Freitag, 27. Dezember 2013

Info

So, die Situation hat sich wieder geändert. Seit Mittwoch warten wir auf gutes Wetter, heute hat die Fähre einen Versuch gewagt. Wir sind nach einer halben Stunde Fahrt wieder umgekehrt weil die Wellen zu hoch und der Wind zu stark war. Und wir müssen nun weitere 3 oder 4 Tage warten, ohne Garantie, dass wir dann von hier weg kommen. Deshalb haben wir die sauteuren Fährentickets storniert und wir werden nun über einen abenteuerlichen Umweg über den Paso Mayer zur Ruta 40 nach Argentinien fahren. Inzwischen sind wir 8 Radler, und wir machen die Wanderung zusammen. Zwischen den Grenzposten soll kein Weg vorhanden sein, und wir müssen uns durch die Büsche kämpfen. Auf der Ruta 40 erwartet uns dann wohl brutaler Gegenwind, wir werden, falls möglich, per Bus oder Autostopp nach El Chalten gelangen. Trotz dem Umweg sind wir wohl schneller dort als wenn wir auf die Fähre warten und dann doch noch 2 Tage Übergang zu Fuss machen. Vielleicht werden wir es auch bereuen, da gibt es leider keine Garantie. So oder so, wir melden uns aus El Chalten, wünscht uns schönes Wetter und halbwegs begehbare Wege!