zurückgelegte Strecke

Auf der Karte oben koennt ihr die zurueckgelegte Strecke anschauen, wir aktualisieren unseren Standort wenn wir Gelegenheit dazu haben.

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Mittwoch, 1. Januar 2014

Der Umweg

Wir werden versuchen, unsere Emotionen in diesem Blogeintrag zu kontrollieren. In den letzten paar Tagen haben wir einige Male an uns und unserer Entscheidungsfindung gezweifelt. Wir haben Wetter, andere Velofahrer und unsere Ungeduld ins Pfefferland gewünscht und uns gefragt was wir hier überhaupt machen und mit welchem Ziel.

Alles begann mit dem Ende der Carretera Austral. Als wir kurz vor Weihnachten dort eintrafen, haben wir ein markantes Ziel und das Ende einer grossen Etappe erreicht. Die Unsicherheit wegen der Fährpassage hat uns schon Monate begleitet und wir hatten soweit ein gesundes Vertrauen, dass die Weiterreise nach Argentinien schon möglich sein wird, früher oder halt eben auch später. Wir haben ja genügend Zeit. Kurz vor Villa O'Higgins dann die Nachricht, die Fähre fahre wieder, gerade am nächsten Tag. Schon macht sich bei uns ein leichtes Unwohlsein breit, wir wollten Pause, in Ruhe Weihnachten feiern, mit Zuhause skypen. Dann treffen wir in Villa O'Higgins auf einen Haufen unruhiger und genervter Velofahrer. Einige warten schon seit Tagen hier. Alle empfehlen uns, die einzige Gelegenheit wahrzunehmen, sie flehen uns geradezu an, mit ihnen am nächsten Morgen weiterzureisen. Fast hätten wir es getan. Wir bleiben aber zurück, und wie es halt kommt, schlägt das Wetter um und die Überfahrt ist 2 Tage später nicht möglich. Wir feiern entspannt Weihnachten, geniessen die ruhige Zeit auf dem gemütlichen Camping im Wald und sind froh, dass die Überfahrt verschoben wurde. Nochmals 2 Tage später dann unsere Gelegenheit, wir fahren mit Sack und Pack um 7 Uhr zum Hafen, wir sind etwa 8 Radler. Alles wird verstaut, befestigt und wir stechen in See. Dann die Meldung vom Kapitän, dass wir umkehren, wegen zu viel Wind. Ein bisschen später die Nachricht, dass wir sicher nochmals 3 bis 4 Tage warten müssen, bis der nächste Versuch gestartet wird. Wir radeln wieder zurück ins Dorf, es herrscht eine komische Stimmung, Unsicherheit, man ist genervt.

Fast hätten wir uns dazu entschieden zurück auf den Camping zu gehen, uns im Wohnzimmer um den Ofen zu setzten und mit Faqundo, dem argentinischen Radler aus El Chalten, Mate zu trinken bis das schlechte Wetter vorbei ist und die Fähre wieder fährt. Die anderen Radler sind sich nicht einig, wollen weiter weil für ein paar die Zeit knapp wird. Die Alternative ist bekannt, jedoch fehlen uns ein paar Infos zur Strecke. Dann findet sich ein Bustransport zur Grenze, was uns allen einen Tag radeln erspart. Das ist DIE Gelegenheit sind wir uns einig. Und dann geht plötzlich alles sehr schnell, denn man will ja nicht noch mehr Zeit verlieren! Ohne den Umweg über den Paso Mayer genauer angeschaut zu haben, lassen wir uns zum chilenischen Grenzposten fahren, 50 km in ein Seitental. Gegen Abend sind wir alle dort, und das Wetter zeigt sich von seiner patagonischen Seite: Sturmwind und Regenschauer. Nur dank der Überredungskünste unseres Fahrers dürfen wir in einer Schutzhütte hinter dem Polizeiposten übernachten. In der Nacht demontiert der Wind fast die Schutzhütte, wir schlafen schlecht und haben Angst, dass wegen dem Regen die Flüsse über die Ufer treten.

Nun ein kleiner Diskurs zu diesem Übergang: der Paso Mayer ist ein West-Ost Übergang 50 km nördlich von Villa O'Higgins. Bis zum chilenischen Grenzposten existiert eine Schotterstrasse (welche wir per Auto abkürzten). Auch ist der Übergang eigentlich kein Pass, sondern ein grosser Fluss, der breit durch ein Tal mäandriert. Bis zum argentinischen Grenzposten sind es rund 17 km, allerdings existiert dort keine Strasse. Es gibt ein paar Pfade und eine schmale Hängebrücke um den grössten Zufluss zu überqueren. Alle anderen Flüsse durchquert man zu Fuss. Beim argentinischen Grenzposten beginnt erneut eine Schotterstrasse, welche 100 km gegen Osten führt, um dort in die grosse Nord-Süd-Strasse Ruta 40 einzubiegen. Von dort sind es weitere 300 km durch die argentinische Steppe bis El Chalten, mit konstantem Westwind und einer Landschaft ohne irgend einen Baum. El Chalten liegt 80 km südlich von Villa O'Higgins. Unser Umweg umfasst also fast 400 km, wobei ein grosser Teil durch die Steppe und dann gegen den Wind zurück nach Westen führt. Dazu kommt ein Stück ohne Strasse mit Flussquerungen. Dies alles bei den denkbar schlechtesten Wetterbedingungen.

Wir liegen also zu acht in diesem Schuppen, der Sturm rüttelt am Wellblech, wir hören die Regenschauer gegen die Westseite prasseln, und uns wird erst hier so richtig klar, auf was wir uns da eingelassen haben. Wenn wir viel Glück haben, und uns ein Bus oder Auto auf der Ruta 40 mitnimmt bis El Chalten, haben wir bestenfalls 2 Tage "gespart". Wir hätten einfach 4 Tage auf dem Camping in O'Higgins warten können, ausschlafen, Mate trinken, lesen, mit euch zuhause mailen oder skypen. Doch jetzt sind wir hier, an der Grenze, und uns erwartet die Passage nach Argentinien.

Entsprechend gut ist die Stimmung am nächsten Morgen bei uns. Martina hat Angst vor der Passage weil der Regen die Flüsse hat anschwellen lassen, und weil der Wind die Hängebrückeüberquerung unmöglich machen könnte. Roman ist eher besorgt über die anschliessenden 300 km durch die Pampa, bei Wind und ohne Planung wegen Wasser und Essen. Und vorallem vermisst er das warme Wohnzimmer des Campings und wir ärgern uns gemeinsam, dass wir es so weit haben kommen lassen und nicht einfach auf unser Gefühl gehört haben und in O'Higgins ein paar Tage gewartet haben.

Wir beissen die Zähne zusammen, denn jetzt bringt uns das Hadern auch nichts mehr. Wir müssen jetzt da durch. Zum Glück sind wir mit guten Leuten unterwegs, wir sind bei unserem Aufbruch 9 Velofahrer und 2 Wandernde. Wir machen uns gegenseitig Mut und so lichten sich wenigstens die grauen Wolken in unseren Gedanken.

Regenhose, Regenjacke, Tewa, wasserdichte Socken, GoreTex, Ortlieb und Plastik schützen uns und unser Gepäck vor dem Wasser, in Form von Regen und Flüssen. Wir waten durch breite Flussdeltas, das Wasser geht bis zu den Knien. Manchmal müssen wir zweimal durch, weil sonst Wasser in die Frontsaccoschen laufen würde.

man beachte die Baeume

Wir folgen ein Stück weit Fahrspuren, dann geht es über einen Zaun und wir haben die Grenze überquert. Manchmal können wir auf den schmalen Fusspfaden fahren, die Saccoschen schleifen durch das Gebüsch. Wir rutschen durch Schlamm, platschen durch braune Moore, die Schuhe und Socken füllen sich mit Wasser. Wir hiefen die Velos steile Böschungen rauf und rattern sie auf der anderen Seite wieder runter. Alle helfen, niemand bleibt zurück, gemeinsam ziehen wir Gepäck und Velos Schlammwege rauf oder schieben die Velos gemeinsam durch die Bäche. Es geht langsam voran, doch irgendwann hört der Regen auf, und wir erreichen die Hängebrücke. 4 Stahlseile und Bretter sind 20 Meter über den Fluss gespannt, kaum breit genug zum gehen. Die hohen Geländer (zum Glück!) zwingen uns dazu, alles einzeln rüber zu transportieren. Das Velo auf dem Hinterrad, die Taschen auf dem Rücken. Wir ziehen unser Regenzeug aus, weil die Drähte auf der Seite alles aufreissen. Es dauert ne ganze Weile bis wir drüben sind, es darf nur eine Person aufs Mal auf die Brücke.

Golden Gate Bridge

Weiter gehts, durch die Schwemmebene des Flusses, trockene Bachbette, und schlussendlich durch das Moor neben dem Fluss. Die Räder versinken tief im Gras, es platscht und saftet, doch ist ein grosser Teil der Strecke hier fahrbar. Mit Freudenschreien holpern wir auf eine Fahrspur, spülen unsere Velos im Fluss ab, chnüblen Dreck aus der Kette und den Bremsen, Äste aus den Speichen und ziehen trockene Socken an. Schon bald erreichen wir den argentinischen Grenzposten, nach etwa 8 Stunden harter Arbeit im Niemandsland. Vor uns beginnt die argentinische Steppenlandschaft, die Berge werden zu Hügeln und die Bäume zu Büschen, dann zu Gras, und dann zu gelben Halmenbüscheln. Die Regenwolken werden kleiner und ziehen schnell Richtung Osten. Hinter uns hängen graue Wolkenbänke in den Bergen, Vorhänge aus Regen verdecken die Sicht zurück.

Blick zurueck

Der stramme Wind schiebt uns kräftig vorwärts, und wir lassen uns in die Pampa raus treiben. Nahe einer Estancia zelten wir hinter ein paar Bäumchen, die Gruppe hat sich aufgelöst und wir sind nur noch zu viert.

Richtung Ost

Am nächsten Morgen sind wir dann wieder alleine, weil wir am längsten Zmorge essen und weil wir am meisten Gepäck mitschleppen. Wir fühlen uns nach Bolivien zurückversetzt, es beginnt eine karge und windige Ebene. Dank dem Rückenwind erreichen wir gegen Abend die Ruta 40, asphaltiert und über lange Strecken schnurgerade. Schon bald sehen wir ein, dass hier Autostopp eher schwierig wird, es hat kaum Verkehr. Zu unserer Überschung treffen wir bald auf ein Hotel, wir inspizieren die Zimmer und die Gasheizung und das private Bad überzeugen uns schnell davon, den recht hohen Preis doch zu akzeptieren. Da hatte wohl auch das Weihnachtsgeschenk der Eltern (ab und zu mal ein bisschen Luxus!) einen kleinen Einfluss.

Hotelzimmer (man beachte die Heizung!!)

Am nächsten Tag lassen wir uns vom Rückenwind mit bis zu 40 km/h weiter treiben. Jedes Mal wenn wir im Rückspiegel ein Auto sehen halten wir an und den Daumen raus, doch niemand nimmt uns mit. Irgendwann dreht die Strasse nach Süd, und sogar gegen Südwest, nun kommen wir mit noch knapp 6 km/h vorwärts. Innert kürzester Zeit ist unsere Motivation zermürbt, und wir rechnen damit, nie mehr bis zum nächsten Ort zu gelangen.

Ruta 40

Dann in unserem Rückspiegel die Erlösung aus allen Qualen: ein Bus! Und er hält sogar an! Schnell sind unsere Velos und die Saccoschen im Laderaum verstaut. Wir könnten schreien als der Chauffeur meint, er fahre heute noch bis El Chalten. Wir haben es geschafft!

Im nächsten Ort steigen weitere 4 Radler unserer Gruppe zu, und auch die 2 Wanderer. So erreichen wir gegen Abend nach 3.5 Tagen Umweg El Chalten per Bus. Wir blicken das Tal hoch Richtung Villa O'Higgins, und haben gemischte Gefühle.

El Chalten ist sehr touristisch, ähnlich wie San Pedro de Atacama. Es gibt eigentlich nur Hotels und Restaurants, daneben Tourunternehmen und Outdoor-Läden. Wir suchen noch lange nach einem zahlbaren Hotel, finden keins und enden auf dem Camping. Es hat unglaublich viele Touristen, alle mit Trekking-Ausrüstung. Wir möchten aber endlich wieder mal ein bisschen Luxus, ein warmes Bett, unsere Ruhe, einen Tisch zum Essen und eine Küche, warme Dusche und Internet. So machen wir uns am 31.12. auf die Suche nach dem Unmöglichen: einen bezahlbaren Doppelzimmer. Alles ist ausgebucht, oder zu teuer. Aber so richtig zu teuer, bei 100.- pro Nacht können wir trotz allem nicht ein paar Tage entspannen! Doch da finden wir am Dorfrand doch noch ein Zuhause, und kurz darauf beziehen wir ein kleines Zimmer mit Aussicht auf die Dieselgeneratoren. Die Gastgeber sind nett, und wir können uns endlich entspannen.

der Dieselgenerator

Die Silvesterstory habt ihr ja schon erfahren, jetzt kommen ein paar Tage Ruhe auf uns zu. Hinter dem Dorf ragen der Fitz Roy und der Cerro Torre auf, wir werden wohl noch eine Wanderung machen damit wir ein paar schöne Fotos machen können. Und wir planen die letzten 1300 km bis Ushuaia, mit Zwischenhalt beim Gletscher Perito Moreno und dem Nationalpark Torres del Paine. Dank unserem Umweg wissen wir schon, was uns auf dieser Strecke für eine Landschaft erwartet. Es wird versorgungstechnisch nochmals ein bisschen schwierig. Auch wird hier endgültig die Sturmtauglichkeit unseres Zelts getestet.

PS: heute Morgen hat es geschneit. Soviel zum Thema "patagonischer SOMMER"...