zurückgelegte Strecke

Auf der Karte oben koennt ihr die zurueckgelegte Strecke anschauen, wir aktualisieren unseren Standort wenn wir Gelegenheit dazu haben.

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Samstag, 11. Januar 2014

Gletscher

Die letzten paar Tage standen ganz im Zeichen des Pauschaltourismus. Dazu gibt es einiges zum rumrüsseln, doch das wollen wir uns erst mal verkneifen und uns auf die grossartige Natur hier konzentrieren. Auch sollt ihr vorgewarnt sein, es könnten sich im Laufe des Erinnerungsprozesses an die letzte Velostrecke einige Schimpfwörter in die Zeilen schleichen. Aber zurück nach El Chalten, wo wir in unserem gemütlichen Hostel nach 6 Tagen Pause unsere kritische Sicht auf Wind und Wetter ein bisschen verloren haben. Wir planen unsere Weiterreise nach El Calafate, es ist nicht allzu weit, wir rechnen mit 2 bis 3 Tagen. Hier lohnt es sich vielleicht, um weiteren Verständnisschwierigkeiten vorzubeugen, einen Blick auf Wind und Strassenverlauf in Südpatagonien zu werfen. Es scheint, dass das Wetter hier vom Pazifik geprägt ist, der Pazifik liegt im Westen von Südamerika. Von dort kommt alles: Schnee, Regen und vorallem Wind. Der Niederschlag bleibt, wie auch schon mal ausgeführt, an den Anden hängen, der Wind geht oben drüber und zieht nach Osten in die argentinische Pampa. Es gibt einige Variationen des Windes, so ergeben sich neben dem Westwind auch Südwest- und Nordwestwind. Der Wind ist allgegenwärtig und immer präsent, manchmal schwächer und hauptsächlich stärker. Unsere Strasse verläuft grundsätzlich von Nord nach Süd, doch das ist nur die Ideallinie. Die Strasse folgt den geografischen Gegebenheiten und führt daher eigentlich eher im Zickzack nach Süden. Der langen Erklärung kurzer Sinn: auf unserem Weg in den Süden haben wir neben Rückenwind und Gegenwind vorallem Seitenwind. Die Etappe von El Chalten nach El Calafate führt durch das gesamte Spektrum, zuerst Rückenwind, dann Seite, und dann zum Dessert Gegenwind. In unserem Hostel warten zwei Amerikaner auf ein Wetterfenster für die Besteigung des FitzRoy, und lassen uns an ihren täglichen Wetteranalysen teilhaben.

Cerro Torre
Am Tag unserer Weiterreise meint er nur, in den nächsten 2 bis 3 Tagen wird der Wind noch ungleich stärker, so um 50 bis 60 km/h mit Böenspitzen bis 90 km/h. Im Schutze der Wände des Hostels erscheint uns das nicht so tragisch, wir erklären ihm unsere Taktik falls wir das Zelt nicht aufstellen können: wir schlafen einfach in den Wassertunneln unter der Strasse. Die sind geräumig und gemütlich, auf jeden Fall einigermassen windstill. Sein Kommentar: cool.

Als wir losfahren, ist das Tal hinter uns wolkenverhangen und es nieselt. Dazu ein kräftiger Wind. Wir lassen uns westwärts blasen, kommen mit 35 km/h gut voran. Die Berge bleiben hinter uns zurück, und leider bleibt uns die klassische Sicht mit gelber Steppe und Cerro Torre und FitzRoy am Horizont verwehrt.

Cerro Torre und FitzRoy (bei einer Wanderung)
Je weiter wir in die Steppe raus kommen, desto weniger Wolken hat es, und der Wind wird immer stärker. Nach 90 km erreichen wir wieder die Ruta 40, und dort reduziert sich unsere Geschwindigkeit auf 5 km/h. Wir fahren gerade gegen den Wind, mit Handschuhen und Kappe, Buff übers Gesicht. Nach ewigen 5 km schwenkt die Strasse gegen Süden ab, und wir können mit Seitenwind auf 10 km/h beschleunigen. Der Wind nimmt weiter zu, es ist gegen Nachmittag. Martina fährt ab und zu quer über die Strasse, wir beide torkeln über die gesamte Fahrbahn, bei jeder Böe. Eine wahre Freude für die Auto- und Busfahrer, welche sich genervt mit ihren Hupen ankünden. Es geht dann nicht mehr, wir steigen ab und schieben das Velo auf der Gegenfahrbahn. Dazu müssen wir kräftig in den Wind liegen und sind jetzt noch mit 3 km/h unterwegs. Das wäre jetzt auch der Moment der Schimpfworte, doch versuchen wir nach dem letzten Blogeintrag ein bisschen mehr Objektivität walten zu lassen. Der Wind erscheint uns irgendwie absurd, ununterbrochen seit Tagen, dauernd konstant, man versteht kein Wort, alles fliegt sofort davon wenn man es loslässt. Zum Glück wissen wir von einer Estancia mit Hotel in Reichweite, so schieben wir unsere Velos bis dort, und flüchten nach 110 km in das Restaurant. Unsere Ohren klingeln, das Gesicht brennt, unsere Motivation nach 6 Ruhetagen ist bereits wieder zerstört. Wir wissen, der Wind wird nur noch stärker, und wir haben vor Calafate 30 km Gegenwind-Strecke. Im Restaurant erfahren wir, dass in einer Viertelstunde ein Bus hier hält und nach Calafate weiterfährt. Kurzentschlossen laden wir das Gepäck ab und warten auf den Bus, so bringt das nichts mit Velofahren. Der Bus hat offiziell keinen Platz, mit Velos demontieren bringt Roman die Dinger dann trotzdem in das winzige Gepäckabteil. Sitzen tun wir im Gang, 2 Stunden bis Calafate, der Bus schaukelt teilweise bedrohlich in den Böen.

Gegen 9 Uhr abends sind wir in Calafate, die Hälfte der Strecke sind wir geradelt. Wir sind wieder mal fix und fertig. Calafate ist unglaublich touristisch, 100erte Hotels, Jugendherbergen und ein paar Campings. Dazu ein Outdoorgeschäft am anderen, neben Souvenirshops, Restaurants und unglaublich vielen Reiseveranstaltern. Es soll der teuerste Ort in Argentinien sein, uns kommt es vor wie Interlaken. Alle Hostels sind voll, wir fragen uns weiter und finden dann doch noch ein Mehrbettzimmer, so spät wie wir dran sind, bleiben wir aber alleine. Beim einschlafen hören wir den Wind am Dach rütteln, es pfeift und stürmt, und es beginnt zu regnen.

Jetzt widmen wir uns aber den Sehenswürdigkeiten um El Calafate. Dieser Ort existiert praktisch nur wegen den riesigen Gletschern im Nationalpark "Los Glaciares", der übrigens bis El Chalten reicht. Es ist der Ausgangspunkt für den Tagesausflug zum Perito Moreno Gletscher, welcher wohl die bekannteste Sehenswürdigkeit neben dem Torres del Paine Park hier in Südpatagonien ist. Alle die tausend Touris in Calafate gehen dort hin, der Rummel hat Jungfraujoch-Ausmasse. Wir studieren die Alternativen und finden den noch grösseren Upsala Gletscher. Wir ziehen durch das Städtchen und vergleichen die Angebote der Veranstalter. Das Angebot "todo Glaciares" klingt gut, und wir buchen ein Gesamtpaket für zwei Tage. Erster Tag: Ausflug mit dem Bus zum Perito Moreno Gletscher. Zweiter Tag: Mit dem Schiff zum Upsala, Spegazzini und dem Perito Moreno Gletscher, etwa 7 h unterwegs. Befremdet schauen wir die Frau von der Agentur an als sie uns fragt, wo uns am Morgen der Car abholen soll. Wir: kein Problem, wir können zum Busbahnhof kommen. Sie: nein, das geht nicht, alle werden abgeholt. Das wird ja lustig.

Und es wird lustig. Die sammeln ernsthaft jeden Tourist einzeln bei seinem Hotel ein. Das dauert dann auch eine gute Stunde, in einem Ort, den man in 15 Minuten zu Fuss durchqueren kann. Auch merken wir schnell, das wir hier in einer anderen Klasse Reisekasse unterwegs sind, der Car hält sonst nur vor grossen 4 oder 5 Stern Hotels mit grosser Vorfahrt. Der Halt am Camping (auf welchen wir nach dem Sturm gewechselt haben) war die Ausnahme. Auch sind wir um einiges jünger als die anderen. Und um einiges schäbiger in unseren dreckigen Velokleidern. Mit Wanderschuhen und Rucksack. Auf der Fahrt werden wir auf spanisch und englisch von der Reisebegleiterin unterhalten und wir lernen viele interessante Dinge über Patagonien, zb dass es häufig stark windet.

Am Gletscher dann treffen sich alle Touristen wieder, egal bei welcher Gesellschaft sie gebucht haben, es stehen überall Busse rum, und eine riesen Masse von Touris wälzt sich durch den Eingang und die Toiletten, dann raus zu den Metallstegen, die in unterschiedlich anstrengenden Rundwanderungen organisiert sind. Wir ziehen als erstes alle Kleider an die wir mitgenommen haben, dann staben wir los zum ersten Aussichtsbalkon.

Perito Moreno Suedwand von Weitem

Der Gletscher Perito Moreno ist beeindruckend. Die Gletscherzunge stösst quer in einen See und halbiert diesen, im Moment ist ein kleiner Durchgang am Seeufer offen, ein Fluss, der die beiden Seehälften links und rechts des Gletschers verbindet. Der Gletscher wächst konstant und schmilzt ein wenig langsamer ab, so schliesst sich dieser Durchgang alle paar Jahre mal wieder. Dadurch staut sich die eine Seehälfte und bricht dann unter einem riesen Spektakel schlussendlich den Gletscher weg. Darauf mussten wir allerdings verzichten, es dürfte Jahre dauern bis dies wieder geschieht.


Perito Moreno Nordwand

 Aber dafür brechen ständig riesige Eistürme ab und fallen in den See, was Horden von Fotografen zum Wahnsinn treibt weil man nie weiss, wo und wann das nächste Mal was abbricht. Da die Gletscherfront so riesig ist, kann man unmöglich alles im Blick behalten. Und wenn man das Donnern und Krachen hört, ist es schon zu spät, weil der Ton so lange hat bis er da ankommt. Wir haben Glück und sehen einige der Türme stürzen, doch fürs fötele reicht es nicht. Wir setzen uns dann an einer weit entfernten Aussichtsplatform hin, wo nur wenige Touris hingehen können weil es Treppen hat, und essen unser Picnic und schauen die riesige Eismasse an. Man könnte locker den ganzen Tag da sitzen und schauen, es ist wirklich wunderschön.

Perito Moreno Suedwand

Allerdings ist zu bezweifeln, ob man die Ausmasse auf dem Display der Fotoapparate auch sehen kann, doch eine andere Sicht ist für die meisten Touris hier nicht möglich. Die gehen mit der Kamera vor dem Gesicht, und sehen sich den Gletscher gar nicht in echt an. Noch wichtiger als der Gletscher ist, vor dem Gletscher zu posieren, damit man auf Facebook mehr Eindruck schinden kann. Wir sind dauernd hin und her gerissen, zwischen totaler Begeisterung und Ehrfurcht vor der Natur und dem Verhalten von Menschen auf Reise. Nicht das wir uns besserstellen möchten als die anderen Touristen, schliesslich wollen ja alle das selbe sehen, auch wir, doch geht es irgendwie meistens darum, die Fotos als Trophäen nach Hause zu bringen, um zu beweisen wie viel Spass man hatte. Die Leute schauen sich den Gletscher kaum an, sie sind immer am knipsen, hauptsächlich einander. Foto, weitergehen, Foto. Ein Riesenzirkus. Ein paar Stunden später müssen wir zurück, der Bus fährt alle wieder in ihr Hotel. Wir halten das am Schluss kaum noch aus und lassen uns im Zentrum absetzen.

Der nächste Tag wird wieder unglaublich beeindruckend, die Rundfahrt führt zu riesigen Gletschern und Eisbergen, allerdings wird das Touriverhalten nochmals schlimmer. Wieder werden wir abgeholt, und dann zum Hafen gefahren. Dort werden die Menschenmassen auf etwa 6 verschiedene Hochgeschwindigkeits-Katamarane aufgeteilt. Supermoderne Schiffe, vollverspiegelte Scheiben, Flugzeugbestulung mit 10 Sitzreihen nebeneinander, Bar und exklusivem Captains-Club. Man wird angewiesen sich hinzusetzen, raus darf man erst später. Dann gehts los, mit 40 km/h gegen den Wind, der wohl mit weiteren 60 von den Gletschern runter bläst. Roman tut sich schwer auf dem Sitz zu bleiben, kaum ist das Deck offen ist er draussen. Das Deck besteht aus einem schmalen Gang rund um das Schiff und zwei Aussichtsterassen an der Rückseite. Draussen hält man es nur komplett vermummt aus, wir tragen alles was wir haben, dazu Kappe, Buff übers Gesicht, Kaputze darüber. Schon bald schwimmen die ersten Eisblöcke im Wasser, riesig gross und in unglaublichen Blautönen. Jedes Mal wenn drinnen über Lautsprecher verkündet wurde, es gebe was zu sehen, strömt die ganze Schafherde nach draussen und quetscht sich auf eine Seite ans Geländer. Man fuchtelt mit Handys rum, keine Ahnung wieso keins ins Wasser fällt. Jeder will posieren, also ein dauerndes Gerangel am Geländer, hin und her, wir stehen daneben und versuchen es zu ignorieren, blicken in die unglaublich beeindruckende Gebirgswelt.

Upsala Gletscher

Der Upsala Gletscher ist riesig, wir fahren nicht sehr nahe ran weil es gefährlich ist mit den abbrechenden Eistürmen. Die Fakten zum Upsalagletscher sind mir gerade nicht präsent, ist auch nicht so wichtig. Die Front geht über den ganzen See, einige Kilometer, noch beeindruckender ist die Gletscherzunge, die sich zum Inland-Eisfeld hochzieht. Die meisten Touris aber schauen lieber zu, wie der Matrose versucht Eis aus dem Wasser zu fischen. Der Eisblock geht dann von Hand zu Hand, jeder will sich damit fotografieren lassen. Wir flüchten. Kurz darauf stehen die harten Männer auf dem windgeschützten Hinterdeck und trinken Wiskey mit Gletscher-Eis. Während der Fahrt durch das wunderschöne Eisfeld wird Ave Maria über die Lautsprecher abgespielt, auch draussen auf dem Deck. Doch sobald wir wieder richtig Fahrt aufnehmen, zum nächsten Gletscher, flüchten alle nach drinnen. Endlich haben wir auf dem Spitz vorne unsere Ruhe. Auch kann Roman jetzt auf der Rückfahrt all die Fotos machen, die die anderen auf Befehl bei der Hinfahrt gemacht haben und sich gegenseitig im Weg standen.

Spegazzini Gletscher von Weitem

Der nächste Gletscher ist der Spagazzini Gletscher, mit einem über 100 Meter hohen Abbruch bevor er in den See fliesst. Nicht so gross, aber zerrissen, stürzt er von allen Seiten in den See. Auch hier wiederholt sich das gleiche Spiel, auf Hinweis kommen alle raus, 10 Minuten später ist wieder Ruhe. Staunend fahren wir durch die Gletschertäler, auf den hohen Bergspitzen ändern sich die Wolken andauernd. Der Wind ist in der Zwischenzeit so stark, das man kaum über das Deck gehen kann. Roman bleibt draussen im Spitz, man muss die Kaputze festhalten obwohl sie komplet zugeschnürt ist.

Spegazzini Gletscher

Letzter Halt ist beim Perito Moreno Gletscher. Da waren wir ja gestern schon, aber vom Wasser aus hat man nochmals ein komplett anderes Bild. Wir fahren nahe ran, die Eiswand ragt vor uns auf, oben hat es scharfe Zacken. Wir kreuzen zweimal der Wand entlang, alle haben in der Hoffnung auf einen Abbruch die Kameras in der Luft. Nichts passiert. Die Leute scheinen enttäuscht, dabei haben sie gerade eine unglaublich beeindruckende Eiswand von nahe anschauen können. Dann gehts zurück, alle müssen wieder rein. Eine Stunde später sind wir zurück in Calafate, müde, unterkühlt vom Wind, doch voll mit Bildern von einer unglaublich schönen Gletscherlandschaft. Die Fotos kommen da nicht dran heran, es ist alles viel grösser, es fehlt das Gesamtgefühl mit Wind und Kälte.

In wieweit es sinnvoll ist, jeden Tag mit mehreren Schiffen eine 200 km lange Strecke zu den Gletschern zu fahren, sei dahingestellt. Schlussendlich trägt gerade jedes dieser Schiffe mit seinen Abgasen zum Klimawandel und damit zum Abschmelzen ebendieser riesigen Gletscher bei. Sollte man darauf verzichten? Sollte man die Touristen auf dieses Dilemma hinweisen? Oder dient der Wiskey mit Gletscher-Eis dazu, solche Gedanken zu verdrängen?

Nun sind wir nach einem weiteren Tag ohne Programm bald bereit für die nächste Etappe. Es steht noch ein Hausputz an, um unser Zelt von Staub und Dreck der letzten 5 Monate zu befreien. Und hauptsächlich um die kleberige Schicht von Baum-Laus-Gagi zu entfernen, die in den letzten Tagen hier auf dem Camping aus den Bäumen getropft ist! Morgen geht es wieder los, zurück zur Ruta 40 und dann südwärts, wo wir wieder nach Chile einreisen. Kurz nach der Grenze sollten wir nach Cerro Castillo kommen, und dort werden wir uns um die Organisation unserer Reise durch den Nationalpark Torres del Paine kümmern. Bis dort sind es ungefähr 200 km durch den Wind. Wir halten es uns offen, jederzeit auf den Bus umzusteigen falls der Wind zu mühsam wird.

Nun könnt ihr euch noch weniger auf das SPOT-Gerät verlassen, wir haben jetzt die Zone mit reduzierter Abdeckung erreicht. Hier und weiter südlich garantiert der Betreiber keine Übertragung mehr. Ihr seht, wir kommen dem Ende der Welt immer näher...