Item, zurück zu den zwei Velostrampler auf der Carretera Austral und erfreulicheren Ansichten von Chile. Wir verlassen Coihaique mit neuer Ausrüstung: einem Toaster und einem neuen Schneidbrättli. Da das gekaufte Brot nach etwa zwei Stunden nach dem Backen nicht mehr geniessbar ist, verbessert ein Toaster unseren Zmorgekomfort erheblich. Eventuell leidet ein bisschen unsere Gesundheit, beim Toastprozess ziehen die Abgase vom Kocher (wir verbrennen hier Benzin!) geradewegs durch das Brot. So werden die Schadstoffe effektiv aus den Abgasen herausgefiltert und bleiben im Brot zurück, welches sich auch recht zackig schwarz färbt und verbrannt riecht. Ä Guätä.
Desweiteren haben wir, da kein Tannenbaum auf Redli erhältlich war, unsere Velos mit Weihnachtsschmuck behängt. Die grünen und silbrig-rot-goldenen Glitzer-Lametta-Federboas und auch die geschmacksvolle rote Plastik-Weihnachtsbaumkugel mit aufgemalten Pinguinen machen sich gut am Velorahmen.
| Weihnachtsvelo |
Jedenfalls werden unsere Velos seit der Weihnachtstarnung öfters mal von den anderen Strassenverkehrsteilnehmer fotografiert. Ob Pitufo und Penny mit dem Schmuck glücklich sind, ist schwierig zu sagen. Penny fährt weiterhin regelmässig in den Graben und das Knacken in Pitufos Pedalen ist ebenfalls schwierig zu verstehen. Falls es aber weiterhin so chutet erledigt sich das sowieso, weil dann all die Glitzerfäden abreissen und den Weg hinter uns zieren.
Nach Coihaique bleibt uns der Asphalt noch ein bisschen erhalten, und der Wind bläst von schräg hinten. Wir machen kurzfristig ziemlich Tempo, dann gehts über den höchsten Pass der gesamten Carretera Austral (1120 m). Auf dem Conaf-Zeltplatz im Aufstieg geniessen wir eine spezielle heisse Dusche: der Boiler steht auf einem kleinen Holzofen. Roman feuert kräftig ein, und eine halbe Stunde später kann man sich ohne Angst vor Kaltwasserzwischenfällen (die gibt es bei den gasbetriebenen Durchlauferhitzer immer wieder) entspannt berieseln lassen.
| hoechster Pass der Carretera Austral |
Nach dem Pass stehen wir an der Verzweigung zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ufer des zweitgrössten Sees von Südamerika: dem Lago General Carrera. Die Carretera Austral umgeht den See nördlich. Die Alternative ist eine kleine Uferstrasse entlang des Südufers, die man über eine Fähre und Chile Chico erreicht. Das ist wieder mal eine gute Situation für eine Fehlentscheidung. In diesem Fall war es aber eine lohnenswerte Fehlentscheidung. Wir nehmen also die Strasse nach Puerto Ingeniero Ibañez, zur Fähre über den See nach Chile Chico. Die Landschaft ändert, kein Wald mehr sondern trocken und Büschli, Felsen und Staub. Irgendwie mediterran. In der Zwischenzeit weht ein brutaler Wind, zum Glück von hinten, oder genauer, aus Westen. Die Überfahrt nach Chile Chico fällt weniger schlimm aus als angenommen, obwohl die Wellen weisse Schaumkronen haben. Bei Gelegenheit informieren wir uns ein bisschen zur näheren Umgebung. Dabei finden wir auf einem Blog von anderen Velofahrern heraus, dass das gewählte Südufer wohl eher anstrengend wird. Dies aus mehreren Gründen: wer die Karte mal anschaut, stellt fest, das die Strasse hauptsächlich von Ost nach West und dann Richtung Südwest führt. Die vorherrschende Windrichtung ist West. Dazu führt die Strasse nicht direkt dem Ufer entlang, sondern ist in das teilweise fast senkrechte Steilufer gesprengt, mit mörderischen Anstiegen. Wir freuen uns.
Der brutale Westwind ist für das spezielle Klima verantwortlich hier: zwischen dem Pazifik und dem Lago General Carrera sowie der argentinischen Pampa liegt eine Andenkette und die riesige Inlandeisfläche. Der Westwind vom Pazifik muss da drüber, so wie der Südwind in der Schweiz zuerst über die Alpen muss. Der Effekt ist auch etwa ungefähr derselbe. Starke Fallwinde, die sehr warm sind. In der Schweiz heisst das Phänomen auch Föhn. Hier am Lago G. C. führt dies zu konstantem, starkem und warmen Westwind, der das Klima beeinflusst und aus Patagonien Italien macht, mit 30 Grad und viel Sonne. Und in unserem Fall eben brutalem Gegenwind, sehr zuverlässig konstant, den ganzen Tag und die ganze Nacht.
Wir starten in Chile Chico, und rechnen mit dem Schlimmsten. Wir haben genug zu Essen für mehrere Tage, also liegen auch 20km-Etappen drin. Gleich am Ortsausgang gehts rauf. Wir hoffen, das Strassenschild bildet nicht die Realität ab.
| leider steil |
Wir kriechen die Strasse rauf, 4 km/h, knapp fahrbar weil so steil. Oben können wir auf den flachen Strecken auf 6 km/h beschleunigen, mehr geht nicht wegen dem Gegenwind. Nach 40 km beenden wir unsere erste Tagesetappe, mit mehr als 1000 Höhenmeter. Die Strecke hat es eindeutig in sich, die Steigungen sind senkrecht und der Gegenwind bläst uns die Haut vom Gesicht. Landschaftlich aber herausragend, auf dem ersten Hochplateau passieren wir einmal mehr eine Laguna Verde, dann erreichen wir das Steilufer.
| Laguna Verde (Nr. 2394 auf unserer Reise) |
Die Strasse führt durch senkrechte Klippen, 300 Meter gehts direkt und ohne Leitplanke runter in den See. Roman muss Penny krampfhaft davon abhalten, sich in den unendlichen Strassengraben zu stürzen.
| Lago General Carrera |
Auch ist die Strasse so gebaut, das die Chilenen hier mit nähersweise 100 km/h durch die Kurven fahren können, also Steilwandkurven mit entsprechender Querneigung hinab zum See. Was bei 100 km/h wohl gut funktioniert, macht uns mit 4 km/h eher etwas Mühe. Zum zelten finden wir eine schöne Wiese auf einem weiteren Hochplateau, und hinter einem Hügel ist sogar der Wind halbwegs erträglich.
Nach weiteren 40 km haben wir das spektakuläre Steilufer hinter uns, es wird flacher und der Wind wird ab und zu von Bäumen gebrochen. Erschöpft zelten wir in einem Flusstal im windgeschützen Wald.
Bald sind wir zurück auf der Carretera Austral, doch auch die ist hier sehr hügelig, es geht weiterhin rauf und runter, sausteil und die Strasse war auch schon mal besser. Roman hat bald mal die Nase voll und die Beine leer, wir brechen früh ab und stellen unser Zelt an den Lago Bertrand. Es wird geduscht (das geht prima mit dem Wassersack und dem Sprützkannen-Aufsatz), mit Warmwasser vom Kocher. Das Bücherproblem zwischen Martina, Roman und Kobo haben wir entschärft, in dem wir gemeinsam ein digitales Buch auswählen und kaufen wenn wir Internet haben, und es uns dann vorlesen. Begonnen haben wir mit "Die Analphabetin, die rechen konnte" von Jonas Jonasson. Kurz aber intensiv war auch "Die Liebe in den Zeiten des Frischkornmüslis - Eine Liebesgeschichte aus der Gegenkultur" von Cora Buhlert. Auf uns wartet "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" von Thomas Meyer. Nebenbei hat Roman 10 Bände von "Das Lied von Eis und Feuer", besser bekannt als die TV-Serie "Game of Thrones", gelesen, und Martina ist dem Helden von "Feuer und Stein" von Diana Gabaldon erlegen. Den zweiten Band hat sie auch schon fertig. Die Tage sind schon massiv länger, wir haben Sonne bis um halb Zehn abends, und am Morgen gehts schon um 6 Uhr los mit Sonne. Da bleibt viel Zeit um noch vor dem Schlafengehen zu lesen.
Eigentlich wäre es jetzt nicht mehr weit bis Cochrane, etwas mehr als 60 km, also in einem Tag zu schaffen. So denkt man. Roman ist nicht grade eine Motivationsbestie als wir wieder starten, denn, wer hätte das gedacht, es geht gleich wieder über den nächsten steilen Pass. Und es sollte nicht der letzte bleiben heute. Dies scheint der hügeligste Abschnitt der Carretera zu sein, und dazu ist es heiss und trocken. Wir folgen jetzt dem Rio Baker, dem wasserreichsten Fluss Chiles (mit 570 m3/s etwa gleich gross wie die Aare).
| Rio Baker |
Es bestehen Pläne zum Bau von Wasserkraftwerken an diesem Fluss, ein Thema dass hier die Bevölkerung beschäftigt und weite Kreise zieht. Es bestehen die gängigen Konflikte zwischen Naturschutz und "sauberer" Stromerzeugung. Es wird aber auch noch Tompkins (der Exgründer von The North Face und Besitzer des Pumalin-Parks) in die Sache verwickelt, welcher auch hier Land kauft. Wir sehen immer wieder Parolen und Aufkleber "Patagonia sin Tompkins", er scheint hier nicht allzu beliebt zu sein. Die Kraftwerkbetreiber versprechen der Bevölkerung 80% günstigeren Strom. Der grosse Teil der geplanten 2400 Megawatt wird für die Minen im Norden von Chile gebraucht, somit ist die Hochspannungsleitung quer durch Patagonien ein weiteres Streitthema. Da Tompkins nicht gerade im Sinne der Kraftwerkgesellschaft handelt sondern den Fluss schützen will, überzeugt die Gesellschaft die lokale Bevölkerung davon, das Tompkins in seinen Naturparks Pumas züchtet und auf die Menschen loslässt. Oder schlimmer, da sein Land an Argentinien grenzt und teilweise auch auf der argentinischen Seite in seinem Besitz ist, dass die heilige Landesgrenze zwischen Chile und Argentinien in Privatbesitz ist und so vielleicht verwässert wird. Wir halten uns zurück mit Kommentaren über Naturschutz oder Tompkins, schnell wird man als Tourist in den selben Topf geworfen. Und ganz nebenbei hat auch die Schweiz ihre wunderschönen und schützenswerten Alpen mit Staumauern zugebaut...
Wir kehren nach diesem Diskurs wieder an den Rio Baker (noch ohne Staumauern) zurück. Die Strasse geht noch über weitere 2 oder 3 Pässe, saumässig steil. Irgendwann beginnt sogar Martina damit, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen: Warum kann die Strasse nicht einfach gerade dem Hang entlang führen? Warum geht die immer wieder ganz runter zum Fluss und dann wieder ganz nach oben?! Auch möchte sie gerne den Verantwortlichen Strassenbauer (so ein bierbäuchiger, schnauzbärtiger, selbsgefälliger Typ mit oranger Weste) treffen um ihm etwas über den Kopf zu hauen. Roman kann das gut nachvollziehen. Da es sich hier nicht zelten lässt, müssen wir wohl oder übel noch weiter bis Cochrane. Wir dopen uns mit Schoggi und schreien ab und zu rum um die Motivation zu heben. Die letzten Anstiege schafft Roman nur noch stossend, die Beine sind nach 4 Tagen mit mehr als 4000 Höhenmeter bei kaum fahrbaren Steigungen total leer.
| Hoehenprofil Chile Chico bis Cochrane |
In Cochrane haben wir nicht mehr die Energie zu komplizierten Auswahlverfahren betreffend Unterkunft, daher ist vorallem der Name ausschlaggebend: Hospedaje El Bombero klingt gut (Bomberos = Feuerwehr), obwohl wir bei dem schönen Wetter auch auf dem Camping wohnen könnten. Noch trauen wir dem schönen Wetter nicht, wir hatten fast nie Regen, doch wir sind ja in Patagonien. Warum regnet es hier nicht?! Wahrscheinlich eine weitere Auswirkung der Klimawärmung.
Da sind wir also, im letzten Dorf vor Villa O'Higgins und dem Ende der Carretera Austral. Es fehlen noch 250 km, dann sind wir dort. Sollte reichen bis Weihnachten, auch wenn wir noch einen Ausflug in das Dorf Caleta Tortel machen wollen, ein Dorf am Wasser, komplett auf Holzstelzen, auch die Gehwege. Vorher erholen wir uns hier noch ein bisschen und bereiten das letzte Stück der Strecke vor. Also Essen einkaufen und Velos pflegen, dann Blog schreiben, Bücher auswählen, und mit unseren Lieben von Zuhause mailen.
PS: fuer die uebermaessig Interessierten gibt es unter den Hoehenprofilen wieder ein paar aktuelle Profile. Mit ein paar Luecken kann man sich jetzt fast die ganze Strecke bis Villa O'Higgins anschauen und mitleiden.